Von CHRISTIAN JUNG
Der Klimawandel treibt den Meeresspiegel immer schneller in die Höhe. Sowohl die thermische Ausdehnung des Wassers als auch der Zustrom von Schmelzwasser ließen die Pegel allein im 20. Jahrhundert um rund 15 Zentimeter steigen, und jedes Jahr kommen gut drei Millimeter hinzu. „Der Klimawandel hat das Potenzial, bis Mitte des Jahrhunderts Küstenlinien, Städte, Ökonomien bis hin zu komplexen gesellschaftlichen Strukturen merklich umzugestalten“, hieß es etwa zum Auftakt des Schlussappells bei der letzten Weltklimakonferenz Mitte November 2021 in Glasgow, Schottland. Viele Küsten der Welt sind eng besiedelt und spielen wichtige Rollen als Wirtschaftsmetropolen oder für den Tourismus.
Über 60 Prozent der Städte mit mehr als acht Millionen Einwohnern liegen an der Küste. In Flussdeltas gelegene Megacitys gelten dabei als „Hotspots der Verwundbarkeit“. Der steigende Meeresspiegel verstärkt dort die Wirkung einer schon länger bestehenden Entwicklung: Die Städte sacken in den Boden. So sind Bangkok, Shanghai und New Orleans im 20. Jahrhundert um bis zu drei Meter abgesunken, Tokio und Jakarta sogar um vier Meter. Teile dieser Städte liegen heute deutlich unter dem Meeresspiegel. Das Absinken in Deltagebieten ist teils ein natürlicher Prozess. Er wird jedoch verstärkt durch Faktoren wie die Entnahme von Grundwasser oder eine für den vorhandenen Grund zu schwere städtische Bebauung. Zudem halten oft Staudämme in den Flüssen, die die Deltas speisen, große Mengen Sand und Sediment zurück, die in den Jahrtausenden davor die Deltas wachsen ließen. So haben diese Gebiete der Landabtragung durch das Meer nichts mehr entgegenzusetzen.
Eine Forschergruppe um Matt Wei von der University of Rhode Island, USA, fand heraus, dass sich in den meisten der weltweit 99 größten Küstenstädte mindestens ein Stadtteil oder Bereich findet, der schneller als zwei Millimeter pro Jahr sinkt – auch Hamburg und Bremen zählen zu diesen 80 Städten. „In 33 der 99 Städte sinkt ein Teil der Stadt sogar um mindestens zehn Millimeter pro Jahr”, schreibt das Team. Dieser Wert sei bis zu fünfmal höher als der weltweite mittlere Anstieg des Meeresspiegels. „Viele Küstenstädte sinken selbst schneller als der Meeresspiegel steigt“, fasst Wei zusammen. Beides zusammen erhöht das Bedrohungspotenzial erheblich. „Wenn Extremereignisse wie Überschwemmungen vorhersagbar heftiger werden, sollte in Kenntnis der Gegebenheiten vor Ort jede Küstenstadt weltweit spezifische Strategien entwickeln“, mahnen die Wissenschaftler.
Es geht jedoch nicht nur um die Städte. Das Sine-Saloum-Delta an der Küste des westafrikanischen Staates Senegal beispielsweise liegt im Übergangsbereich der trockenen Sahelzone im Norden und der feuchten Zone des Tropenwaldgürtels im Süden. Da es seit den 1960er-Jahren in der Sahelzone deutlich weniger regnet, fließt nur noch wenig Süßwasser ab. Entsprechend dringt Salzwasser aus dem Meer tief in das Delta ein. Da die Verdunstung hoch ist, steigt der Salzgehalt des Wassers im Oberlauf der Zuflüsse sogar bis auf das Dreifache der Meerwasserkonzentration. Dies hat zum Verschwinden zahlreicher Fischarten geführt, die nur bei niedrigem Salzgehalt leben können – darunter beliebte Speisefische. Die heute dort lebenden, salzaffinen Fische haben kaum Marktwert, sodass die Fischereierträge innerhalb eines Jahrzehnts völlig eingebrochen sind. Die Region hat sich durch diese Entwicklung komplett verändert.





