Dasselbe müsste eigentlich passieren, wenn wir unseren Kopf – oder auch nur unsere Augäpfel – schnell oder sogar ruckartig von einem betrachteten Objekt zu einem anderen bewegen. Doch das ist bekanntermaßen nicht so. Vielmehr bleibt für uns auch bei sehr raschen Blickrichtungswechseln stets alles gestochen scharf. Das liegt daran, dass der Sehnerv während der schnellen Augenbewegung die Übertragung der visuellen Informationen kurzerhand unterbricht. Das Gehirn friert gewissermaßen das zuletzt gesehene Bild ein und lässt uns erst wieder scharf sehen, wenn wir das nächste Objekt fixieren. Eine solche ruckartige Bewegung der Augäpfel, um nach einem betrachteten Objekt sehr schnell ein anderes zu erfassen, bezeichnet man als „Sakkade“. Und das Phänomen, dass wir dabei für den Bruchteil einer Sekunde faktisch blind sind, heißt „sakkadische Suppression“.
Sie können diesen Effekt mit einem einfachen Versuch testen, indem Sie sich so nah an einen Spiegel stellen, dass Ihre Nase das Glas fast berührt. Wenn Sie dann rasch zwischen beiden Augen hin- und herblicken, sehen Sie die Bewegung Ihrer Augen nicht, weil diese während der Bewegung ja kein Bild liefern. Korrekter: weil Ihr Gehirn den winzigen Zeitraum zwischen Ausgangs- und Endpunkt Ihres Blicks mit einem selbst konstruierten Bild ausfüllt. Eine hinter Ihnen stehende Person erkennt die Bewegung Ihrer Augen im Spiegel jedoch sehr deutlich.
Wie dieser Mechanismus funktioniert, wird von Wissenschaftlern schon seit Längerem leidenschaftlich diskutiert. Und immer wieder gab es Erklärungsversuche, die jedoch einer intensiven objektiven Überprüfung nicht standhielten. Nach neuen Erkenntnissen der Hirnforscher scheinen für die sakkadische Suppression spezielle, auf bestimmte Bewegungsrichtungen fixierte Neuronen verantwortlich zu sein, die diese Orientierung während einer raschen Blickrichtungsänderung umdrehen können. Reagieren sie also etwa normalerweise auf Bewegungen nach rechts, so feuern sie während einer Sakkade bei Bewegungen nach links – und umgekehrt. In Verbindung mit Informationen von Nervenzellen, die ihre Bewegungsausrichtung nicht verändern, liefern die beteiligten Neuronen dem Gehirn derart widersprüchliche Informationen, dass es im Endeffekt überhaupt kein bewegtes Bild wahrnimmt.
Ob allerdings dieser Erklärungsversuch – der durchaus auf objektiven neurobiologischen Messungen beruht – der Weisheit letzter Schluss ist, werden erst weitere Experimente zeigen.





