Niemals werde er es zulassen, von irgend jemandem übertroffen zu werden im Hinblick auf sein Engagement und seine Entschlossenheit, betonte der jugendliche Papstneffe und Kardinal Ludovico Ludovisi im Jahr 1622. Im Gegensatz zum heutigen Politikerjargon handelte es sich bei dieser Aussage nicht etwa um ein folgenloses Lippenbekenntnis. Als Ludovisi den zitierten Brief schrieb, lag die Erhebung seines Onkels auf den Stuhl Petri erst kurze Zeit zurück. Gregor XV. nannte sich der Mann, der bis zu diesem Zeitpunkt als Alessandro Ludovisi eine glänzende Karriere in der päpstlichen Diplomatie absolviert hatte. Nur zwei Tage nach seiner Wahl ernannte er seinen ehrgeizigen und hochbegabten Neffen Ludovico zum Kardinalnepoten. Und der stürzte sich auf die neuen Aufgaben mit einem Eifer, der schon die Zeitgenossen erstaunte. Alles mußte schnell gehen: die Besetzung wichtiger Posten mit Vertrauensleuten, der Einzug und die (Neu-)Vergabe einträglicher Pfründen, die Instruktion der päpstlichen Gesandten, die Ernennung neuer Kardinäle, der Abschluß von Heiratsverträgen für die Angehörigen der Papstfamilie. Selbst die Versicherung himmlischen Schutzes stellte in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. So wurden in einer aufsehenerregenden Gruppenheiligsprechung am 12. März 1622 nicht weniger als fünf neue Heilige auf einmal kanonisiert – so etwas hatte es zuvor noch nie gegeben.
Bei Ludovisis rastloser Aktivität handelte es sich freilich nicht um hektischen Aktivismus. Vielmehr lag ihr ein nüchternes Kalkül zugrunde. Denn sein Onkel war als alter und schwerkranker Mann zum Nachfolger Petri gewählt worden; fast täglich mußte mit seinem Ableben gerechnet werden. Mit dem Tod des Pontifex endete für seine Angehörigen die Zeit an den Schalthebeln der Macht – der nächste Papst würde seine eigenen Verwandten und Klienten mitbringen. Und so galt es, bis zum unerbittlich näherrückenden Tod des päpstlichen Onkels soviel an Macht, Reichtum und Prestige zu akkumulieren wie möglich. Im Rom des 17. Jahrhunderts war dieses „Carpe diem“ (Nutze den Tag) ein ehernes Gesetz, mit starkem sozialem und politischem Unterton. Ein Gesetz, dem wir die unvergleichliche künstlerische und kulturelle Produktivität im Rom des Barockzeitalters zu verdanken haben. Ein Gesetz schließlich, daß nicht nur für Ludovico Ludovisi galt. Aber kaum ein anderer unter seinen Vorgängern und Nachfolgern im Nepotenstatus hatte es in vergleichbarem Maß verinnerlicht. Der venezianische Botschafter in Rom berichtete 1621 über ihn: „Der Kardinal ist 26 Jahre alt, von noblen Umgangsformen, sehr klug, in den Studien ausgebildet unter der Disziplin der Jesuiten, von außerordentlicher Umgänglichkeit bei Verhandlungen, er findet Gefallen an den politischen Geschäften, mit denen er sich unausgesetzt beschäftigt.“
Doch nicht nur um die politischen Geschäfte im engeren Sinn kümmerte sich der Kardinal. Macht, zumal so frische Macht, zumal so prekäre, kurzfristige Macht wie diejenige der Kardinalnepoten, bedurfte der wirksamen visuellen Inszenierung; auch diese zeitlose Wahrheit hatte der Papstneffe verstanden. Und er handelte entsprechend. Die Errichtung eines prächtigen Familienpalasts erschien ihm angesichts des unerbittlichen Zeitdrucks, unter dem er sich fühlte, nicht geraten, und so erwarb er einen repräsentativen Wohn- und Dienstsitz, um ihn lediglich umbauen zu lassen. Um so dringender galt es, Ersatz zu finden, um die Familienpropaganda und den durch sie verkündeten Anspruch in Szene setzen zu lassen, nunmehr zum Kreis der führenden römischen Adelsfamilien zu gehören. Als Lösung bot sich die Einrichtung einer Stadtvilla an. Sie gehörte in dieser Epoche zu den „klassischen“ Bauaufgaben einer Nepotenfamilie. Man wird kaum zu weit gehen, in der Stadtvilla der römischen Kardinalnepoten des 17. Jahrhunderts eine Bauform auszumachen, deren Funktion ausschließlich im Bereich der Repräsentation lag. Anders als der Stadtpalazzo und die Landvilla im römischen Umland dienten die casini der ausgedehnten Villen am römischen Stadtrand niemals als Wohnsitze, sondern lieferten nur die prachtvolle Kulisse für die glänzende Selbstinszenierung ihrer Besitzer im Rahmen eleganter Feste. Hier fand sich die römische Hautevolee zusammen, um der regierenden Papstfamilie ihre Huldigungen darzubringen. Der ideale Rahmen also, um den neuen Standesgenossen vor Augen zu führen, daß man arriviert war.




