Belgien ist weder ein Klassiker des Feuilletons noch einer der Geschichtsschreibung. Zwar mag man an Jacques Brel und Eddie Merckx, Pommes Frites und feine Schokolade, Hercule Poirot und Kommissar Maigret, vielleicht an Korruption und Kinderschändung denken. Doch wann immer von wohlhabenden, aber langweiligen Weltgegenden die Rede ist, liegt der Verweis auf unseren westlichen Nachbarn nicht fern. Diese Geringschätzung hat Tradition: Nach einem Besuch Brüssels warnte der französische Dichter Charles Baudelaire 1865 vor einer „geistigen Belgisierung“ Europas.
In der Gründungsphase des Landes sah dies noch anders aus. Sogar die deutschen Klassiker begeisterten sich für den niederländischen Freiheitskampf des 16. Jahrhunderts und den langen Weg in die Eigenstaatlichkeit. Goethe verfasste ein bürgerliches Drama über „Egmont“, Schiller ein bleibendes Geschichtswerk. Während der Ältere noch erlebte, dass sich auch die südlichen Provinzen zu einem eigenen Staat zusammenschlossen, leistete der Jüngere hierzu postum einen Beitrag: Angeregt durch Schillers „Wilhelm Tell“, orchestrierte der französische Komponist Daniel Auber in seiner Oper „Die Stumme von Portici“ einen neapolitanischen Volksaufstand. Bei einer Aufführung in Brüssel gerieten die Zuhörer am 25. August 1830 in so revolutionäre Stimmung, dass sie hinausstürmten, einen Aufstand gegen die fremden „Besatzer“ anzettelten und kurze Zeit später einen eigenständigen Staat der Belgier gründeten. Im Februar 1831 gab sich das Land die damals freiheitlichste Verfassung Europas. Seitdem behauptet sich Belgien als eine Insel der Wohlanständigkeit und des Friedens.
Dennoch wird den Belgiern ein sehr schwaches Nationalgefühl nachgesagt. Die Frage, ob der Staat überhaupt eine Zukunft hat, durchzieht die Geschichte des Landes wie ein roter Faden. Belgien hat heute rund zehn Millionen Einwohner. Knapp 60 Prozent davon sind Flamen, knapp 40 Prozent französischsprachige Wallonen. Dazu kommen einige zehntausend Deutschsprachige um die Städte Eupen und Malmedy sowie seit einigen Jahrzehnten vermehrt Zuwanderer von außerhalb Europas. Im Gegensatz zu den Niederländern sind die meisten Belgier katholisch, was sich kulturell bis heute bemerkbar macht, nicht zuletzt in einer sehr viel reichhaltigeren Küche.
Trotz der geringen nationalen Emphase haben sich die Belgier als sehr beständig erwiesen. Schon ihre „Vorfahren“ beschrieb Caesar als ebenso schwer regierbar wie fähig, in Fällen äußerer Gefährdung beträchtliche Verteidigungskraft zu mobilisieren. Das Land besitzt keine „natürlichen“ Grenzen, und auch die inneren Abgrenzungen entsprechen den Zufällen des historischen Augenblicks von 1831. Als Durchgangsland war Belgien bis zur Schlacht bei Waterloo 1815 immer wieder Schauplatz von Kriegen, die mit dem Land selbst wenig zu tun hatten.




