Eine große Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn präsentiert „Gerettete Schätze: Afghanistan – Die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul“ (11. Juni – 3. Oktober 2010). Die gezeigten Objekte sind nicht nur umwerfend schön, sondern vergegenwärtigen zudem die überraschende kulturelle Vielfalt in der Region des heutigen Afghanistan. Anhand von vier Fundstätten: Tepe Fullol, Ai Khanum und Tillia Tepe in Baktrien, das heißt ganz im Norden des heutigen Afghanistan, sowie dem nördlich von Kabul gelegenen Begram werden die Ergebnisse oft abenteuerlicher Grabungen in Afghanistan sichtbar, die oft von Zufällen abhingen und überraschend qualitätvolle Funde erbrachten.
Die Exponate haben die sowjetische Invasion von 1979/80, den afghanischen Bürgerkrieg, die Herrschaft der Taliban und die neuerlichen politischen und kriegerischen Auseinandersetzungen überdauert, was an ein Wunder zu grenzen scheint. Bevor sie im wiederentstehenden Nationalmuseum in Kabul ihren dauerhaften Platz finden, sollen sie der Welt den Reichtum der mit diesen Fundstücken verbundenen Kulturen vor Augen führen.
… Begram war der Sommersitz Kanishkas, des Kuschan-Herrschers, unter dem das Reich einen durch Fernhandel generierten Wohlstand erlebte (das von indo-skythischen Nomaden gegründete Kuschan-Reich hatte unter anderem Gräko-Baktrien erobert). In Begram fanden die Ausgräber in zwei zugemauerten Kammern spektakuläre Elfenbein- und Glasobjekte. Die 45,6 Zentimeter hohe „Flussgöttin“ aus dem 1. Jahrhundert, eines der ältesten bekannten indischen Elfenbeinkunstwerke, steht auf einer Makara, einem Wasserwesen aus der hinduistischen Mythologie, das verschiedenen Göttern als Reittier dienen konnte. Nach Süden und in dieselbe Zeit verweist auch das Dekor der Elfenbeinplatte (Abbildung): Es zeigt eine Frau mit Kind, rechts ein weibliches Liebespaar, das unter einer torana steht, einem Zeremonial-Torbogen; derartige Szenen sind auch in der Gandhara-Kunst (Nordpakistan) häufig zu finden. Die Ähnlichkeit mit frühen indischen Arbeiten ist in beiden Fällen unübersehbar…
Literatur: Der Artikel greift in großen Teilen auf den von Pierre Cambon zusammen mit Jean-François Jarrige herausgegebenen Katalog zur Ausstellung „Gerettete Schätze“ (Amsterdam 2010) zurück.
Dr. Marlene P. Hiller




