Was am 1. Mai 1876 in London beschlossen wurde, mutete höchst merkwürdig an, fast irreal. Das Parlament verlieh Königin Viktoria den Titel „Kaiserin von Indien“. Die neuen Untertanen der Kaiserin in Bombay, Delhi oder Madras, Tausende von Kilometern vom Ort des politischen Geschehens in Europa entfernt, interessierte der Vorgang wenig, und sie haben von der Titelverleihung kaum Notiz genommen, wahrscheinlich davon nie etwas erfahren. Doch die verwitwete Königin freute sich und genoß es, von nun an die Staatspapiere mit den Initialen „R.I.“ unterzeichnen zu können – „Regina et Imperatrix“.
Schon seit einigen Jahren hatte Viktoria mit dem Gedanken gespielt, dem Rang Großbritanniens als führende Welt- und Kolonialmacht einen sichtbaren, ja den angemessenen Ausdruck zu verleihen. „Ich bin eine Kaiserin“, meinte sie im Januar 1873 gegenüber ihrem Privatsekretär, „und werde in normaler Unterhaltung manchmal Kaiserin von Indien genannt. Warum habe ich diesen Titel nie offiziell angenommen? Ich finde, ich sollte es tun, und ich wünsche, daß die Frage einmal untersucht wird.“
Premierminister Benjamin Disraeli, Vorsitzender der Konservativen Partei, erfüllte der Königin schließlich den Herzenswunsch. Nicht, daß es leicht gewesen wäre, das dazu nötige Gesetz durchs Parlament zu bringen. Die Abgeordneten des Unterhauses zögerten, und in der britischen Öffentlichkeit erregte der „unenglische“ Kaisertitel einiges Mißtrauen. Der Chef der liberalen Opposition, William Gladstone, machte sich über den neuen Titel der Königin sogar lustig und bezeichnete ihn als „theatralischen Bombast und Narretei“. Im Oberhaus äußerte ein sarkastischer Lord die Vermutung, der neue Titel sei nur ein Trick, um die vielen Kinder der Queen an den europäischen Fürstenhöfen leichter verheiraten zu können. Auf eine öffentliche Zeremonie wie bei der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser fünf Jahre zuvor im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles wurde angesichts der nicht zu überhörenden Kritik an der Titelverleihung verzichtet.
Doch die Königin und der ihr ergebene Premierminister ließen sich nicht beirren. Als der Parlamentsbeschluß am 1. Januar 1877 in Kraft trat, feierte die damals fast 58jährige Viktoria ihren kaiserlichen Titel mit einem festlichen Bankett auf Schloß Windsor. Ihr schwarzes Kleid, so berichteten Augenzeugen, bedeckten Juwelen, und auf einem Schulterband trug sie den neugeschaffenen Orden „Stern von Indien“.
Viktorias lebhafte Phantasie war angeregt. Der von den Briten kolonisierte Subkontinent, der seit 1858 nicht mehr von der Handelsgesellschaft East India Company, sondern direkt von der Krone verwaltet wurde, rückte in den Mittelpunkt ihres Interesses. Doch besucht hat sie ihn nie. Die Seereise erschien ihr zu beschwerlich, tropische Temperaturen vertrug sie nicht. Ein von London entsandter Vizekönig, mit Sitz in Kalkutta, repräsentierte die Königin und Kaiserin in Indien. Die Propaganda machte sie zur Nachfolgerin der mächtigen Mogulherrscher, deren prachtvolle Bauten die Touristen noch heute bestaunen.




