Wie der General der Infanterie a. D. Paul von Hindenburg den 1. August 1914 erlebt hat, den Tag, an dem das Deutsche Reich Russland den Krieg erklärte und damit in den Ersten Weltkrieg eintrat, das haben seine Biographen nicht überliefert. Wir können wohl annehmen, dass der 66-jährige Ruheständler in Hannover seit Tagen die Tageszeitung studierte und im Herrenklub mit den örtlichen Honoratioren die sich seit der Ermordung des österrei‧chi‧schen Thronfolgers zuspitzende Krise debattierte. Hindenburg war 1911 als Kommandierender General des IV. Armeekorps auf eigenen Wunsch aus dem Militärdienst verabschiedet worden. Dass er in wenigen Jahren noch eine zweite Karriere als mächtigster Pensionist des Deutschen Reiches einschlagen sollte, war an diesem heißen Augusttag nicht abzusehen.
Will man die weitere Karriere betrachten, so lohnt der Rückblick auf seine bisherige militärische Laufbahn. Die Karikaturen seiner Gegner haben Hindenburg allzu oft als stiernackigen Kommisskopf und ostelbischen Junker abgetan. In der Tat war der General nie als militärischer Denker (wie etwa sein Kamerad Colmar von der Goltz) oder als Stratege (wie sein Förderer Alfred von Schlieffen) hervorgetreten. Anderseits deutet die Verwendung als Kommandierender General darauf hin, dass seine Leistungen so schlecht nicht gewesen sein können. Denn über mehr Truppen konnte man im Friedensheer damals nicht befehlen. Auch war das Kommando über ein Armeekorps ein eminent politischer Posten. Er bildete im Kaiserreich eine wichtige Schnittstelle zwischen militärischer und ziviler Sphäre. Aus gutem Grund gehörten die Kommandierenden Generäle zu dem Personenkreis, der das Recht auf direkten Zugang zum Monarchen hatte.
Wenige Tage nach Kriegsbeginn bemühte sich Hindenburg selbst um seine Reaktivierung, reiste dafür nach Berlin und wurde bei der personalführenden Dienststelle, dem Militärkabinett, vorstellig. Er zapfte alte Verbindungen an und schrieb Briefe – alles vergebens. Zu alt, kein Bedarf, lautete die spröde Antwort. Der Krieg dauerte schon fast einen Monat an, als am 22. August ein Telegramm eintraf: Hindenburg wurde überraschend reaktiviert, und ihm war das Oberkommando über die 8. Armee in Ostpreußen übertragen worden. Er solle sofort seine Sachen packen, ein Sonderzug würde ihn noch in der Nacht in Hannover abholen. Was war geschehen?
Die strategische Situation gestaltete sich im August 1914 für das Deutsche Reich besonders prekär, weil es sich an beiden Grenzen mit Frankreich und Russland zwei militärische Großmächte zum Gegner gemacht hatte. Diese Zweifrontensituation kam für den Generalstab nicht überraschend. Tatsächlich hatte dieser seit Jahren nichts anderes getan, als wieder und wieder die militärischen Optionen zu erörtern. Herausgekommen war dabei ein Kriegsplan, in dem den unterschiedlichen Tempi der Mobilmachung bei den beiden Gegnern eine wichtige Rolle zukam. Russland, so das Kalkül des Generalstabs, der mit der Mobilmachung als Oberste Heeresleitung (OHL) aufgebaut wurde, würde seine Truppen später zum Kampf bereit haben als Frankreich. Deshalb war geplant, zunächst mit der Masse des Heeres gegen Frankreich aufzumarschieren, die Franzosen rasch zu schlagen und dann das Heer sofort gegen Russland zu wenden. Während sieben Armeen nach Westen angriffen, sollte die 8. Armee in Ostpreußen, bildlich gesprochen, die Hintertür verrammeln. Dieser Auftrag war gefährlich. Hier kämpften die Deutschen in klarer Unterzahl, hier war kein großer militärischer Ruhm zu erringen, und ein Misserfolg musste katastrophale Folgen haben. Für das Oberkommando der 8. Armee unter Generaloberst Maximilian von Prittwitz und Gaffron galt es also, Zeit zu gewinnen…




