Die Nachricht vom Tod seines Vaters Selim I., der auf halbem Weg zwischen Istanbul und der zweiten Osmanenresidenz Edirne am 21. September 1520 gestorben war, erreichte den Prinzen Süleyman wenige Tage später in seiner westanatolischen Statthalterschaft Manisa. Süleyman war auf das Ableben des gerade erst 50jährigen Sultans, der sich den Beinamen Yavuz, „der Grimmige“, zu Recht erworben hatte, sicher nicht vorbereitet. Trotzdem waren seine Voraussetzungen für die Nachfolge von einer in der Weltgeschichte fast irritierenden Vollständigkeit: Selim hatte mit der Eroberung Ägyptens (1517) dem expandierenden Staat die reichste Provinz hinzugefügt; und die Anerkennung durch den Scherifen von Mekka stärkte die religiöse Legitimität des osmanischen Herrschers als „Diener der beiden heiligen Stätten“ für mehr als vier Jahrhunderte.
Der Prinz Süleyman war 26 Jahre alt und befand sich in bester geistiger und körperlicher Verfassung. Schon als Knabe hatte er seinem Vater bei der Verwaltung der Provinz Trabzon am Schwarzen Meer über die Schulter schauen können. Zwischen 1513 und 1520 wurde ihm Manisa anvertraut, eine von der Natur verwöhnte Stadt im Hinterland der Ägäis, die sein Ururgroßvater Murad II. ein Jahrhundert zuvor als eine Art Nebenresidenz ausgebaut hatte. Er erwarb die Grundlagen der islamischen Bildung, ergänzt um die wichtigsten Fertigkeiten des kultivierten Osmanen, zu denen Schönschrift, Vertrautheit mit der persischen Dichtung und musikalische Kenntnisse gehörten. Süleyman hat später unter dem Dichternamen Muhibbi („Der Liebende“) selbst einen Divan (Gedichtsammlung) aus persischen und (mehrheitlich) türkischen Versen zusammengestellt.
Nach der Übernahme der Prinzenstatthalterschaft gebar ihm seine erste Gattin Mahidevran („Die Welt [erleuchtender] Mond“) einen Sohn namens Mustafa (1515–1553). Vielleicht im Jahr seines Thronantritts nahm er als zweite Gattin die berühmte Roxelane (eigentlich Hurrem, „Die Frohgemute“), die ihm 1522 die Tochter Mihrimah („Sonne und Mond“) schenkte. Fünf weitere Söhne sollten folgen. Zu den besonderen Startvorteilen Süleymans gehörte, daß er beim Amtsantritt keinen Brüderkampf zu bestehen hatte, ein unschätzbares Plus in einem System, das vor dem späten 19. Jahrhundert keine festen Regeln für die Thronfolge kannte.
Den späteren Osmanen erschien Süleyman als Verkörperung des idealen Herrschers, als wäre er aus einem der „Prinzenspiegel“ herausgestiegen. Gerechtigkeit, Mäßigung, Versöhnlichkeit und Freundlichkeit schien der junge Mann auf sich zu vereinigen. Die Autoren hoben auch seine körperliche und physiognomische Schönheit hervor. Im christlichen Abendland war das Interesse an dem Salomon am Bosporus groß. Bald kursierten mehr Holzschnitte und Kupferstiche, Medaillen und Leinwände von Süleyman in Europa als im Osmanischen Reich. Da sich Süleyman auch ausländischen Delegationen und natürlich beim Freitagsgebet der Öffentlichkeit zeigte, fanden ausländische Künstler Gelegenheit, seine Gesichtszüge zu skizzieren. Auf solche Situationen geht eine Arbeit Albrecht Dürers von 1526 zurück, weniger bekannt, aber eindrucksvoller ist ein Stich Melchior Lorichs, der 1559 den von Alter und Krankheit gezeichneten Mann ohne Beschönigung darstellte…




