Ein „Tinkerer“ weiß nicht genau, was er produzieren will – er tüftelt vielmehr mit den Dingen herum, die er gerade findet. Und via Versuch und Irrtum entwickelt er dabei tatsächlich hin und wieder ein funktionierendes Objekt – meist für einen Zweck, der ihm vorher gar nicht klar war. Die Produkte des „Tinkerers“ entstehen folglich durch willkürliches Ausprobieren von Gelegenheiten, die das zufällig zur Verfügung stehende Material bietet. Selbst die brauchbarsten Ergebnisse sind also keineswegs perfekte Resultate eines planvollen „Engineering“, sondern ähneln einem Flickwerk, das jedoch für einen gewissen Zweck hinreichend gut funktioniert.
Womit wir bei einem Kernprinzip der Evolution sind: Sie zielt nicht auf Perfektion – ihr Job ist vielmehr getan, wenn das jeweilige Anpassungsproblem eines Organismus hinreichend gelöst ist. „Besser als hinreichend“ bringt keinen weiteren praktischen Nutzen – und kostet am Ende womöglich sogar mehr Ressourcen. Und das wäre kontraproduktiv.
Aus dem Kesselflicker-Modus der Evolution folgt aber noch etwas anderes: Es gibt kein Patentrezept, wie Organismen sich an stetig neue Umweltbedingungen anpassen. Sie können nur auf möglichst kreative Weise „umflicken“, was ihnen gerade zur Verfügung steht – oder was sie sich allenfalls noch schnell von außen einverleiben können.
Das Rohmaterial für dieses evolutionäre Flickschustern ist das Genom. Dort werden durch Mutationen die Grundlagen für die Variationen geschaffen, aus denen eine Spezies verbesserte oder gar neue Eigenschaften entwickelt, mit denen sie die Herausforderungen ihrer wandelbaren Umwelt stets aufs Neue meistert.
Reichlich Material für Bastler
Und wie äußert sich die Kesselflickerei auf der molekularen Ebene? Zwar kommt es durchaus vor, dass in der Wüste ungenutzter DNA-Abschnitte des Genoms durch Mutation auch mal ein neues Gen erblüht. Gerade zu Anbeginn der Entwicklung lebender Organismen – als sich Gene und Genome überhaupt erst formierten – geschah dies sicherlich häufiger. Inzwischen ist es allerdings zumindest in all den komplexen Lebewesen mit ihren großen Genomen selten der Fall. Schließlich liegen darin massenweise Gensequenzen brach, weil deren Funktionen nicht mehr gebraucht werden oder weil sie inzwischen mehrfach vorhanden sind. Was ein rechter Bastler ist, findet also reichlich Material vor, um mit ein paar Handgriffen neue Strukturen und Funktionen zu erschaffen – ganz ohne dies mit irgendwelchen Schäden an anderen wichtigen Stellen bezahlen zu müssen.
Und sollte mal keiner dieser „Gen-Rohlinge“ für eine schnelle Veredelung taugen, findet sich weiteres Material in anderen Organismen, die gerade in der Nähe sind. Wie wir heute wissen, wanderte im Laufe der Evolution viel häufiger DNA auf natürliche Weise von einem Organismus zu einem anderen, als man sich lange Zeit vorstellen konnte. Und in vielen Fällen führte das Einflicken von Fremdgenen ins eigene Genom via „horizontalem Gentransfer“ deutlich schneller zu evolutionären Verbesserungen, als wenn sich die Tüfteleien auf das eigene Material hätten beschränken müssen.





