Wenn wir einen Juckreiz verspüren, kratzen wir uns meist instinktiv an der betreffenden Hautstelle. Während ein juckender Mückenstich oder eine allergische Reaktion relativ schnell wieder vergehen, können einige Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Rosacea und Nesselsucht auch zu chronischem Juckreiz führen. In beiden Fällen lindert das Kratzen zwar den Juckreiz, kann aber zu Hautschäden und -entzündungen führen sowie langfristig bestehende Entzündungen verschärfen. Da bei der Entzündung und Heilung die entsprechende Stelle ebenfalls juckt, kann dadurch ein Teufelskreis aus jucken und kratzen entstehen.
Selbst wenn Betroffene aus Erfahrung wissen, dass das Kratzen kontraproduktiv sein kann, können sie ihre Finger oft nicht im Zaum halten – zu verlockend ist die anfängliche Linderung des Juckreizes. Doch warum ist das so? Warum haben wir uns dieses Verhalten nicht im Zuge der Evolution abgewöhnt? Hat das Kratzen möglicherweise noch einen weiteren, bisher unbekannten Vorteil?
Verstärker-Wirkung des Kratzens enthüllt
Um das herauszufinden, haben Forschende um Andrew Liu von der University of Pittsburgh näher untersucht, wie die kratzbedingte Hautentzündung abläuft. Dafür verwendeten sie normale und gentechnisch veränderte Mäuse, bei denen die NP2-Nervenzellen in der Haut, die normalerweise den Juckreiz wahrnehmen, nicht funktionieren. Zudem verpassten sie einigen Mäusen Halskrausen, die sie am Kratzen hinderten. Liu und seine Kollegen reizten dann die Ohren der Mäuse mit verschiedenen Allergenen und verglichen durch Beobachtungen und molekularbiologische Analysen der Haut, wie die Entzündung im Detail abläuft.
Während sich die normalen Mäuse an den Ohren kratzten, taten dies die gentechnisch veränderten Tiere und jene mit Halskrausen nicht. Bei ihnen fielen die Entzündung, die Ödeme und Schwellung des Ohres wie erwartet wesentlich schwächer aus, wie die Forschenden feststellten. Nähere Analysen ergaben: Das Kratzen aktiviert bestimmte Nervenzellen in der Haut, die Schmerz wahrnehmen. Daraufhin schütten diese Neuronen die Substanz P aus, die wiederum die Mastzellen des Immunsystem anregt. Diese Zellen locken dann über den Botenstoff TNF unter anderem die neutrophilen Zellen des Immunsystems an, was die Entzündungsreaktion, die Schwellung und das Jucken verstärkt.
Dieser nun aufgeklärte Mechanismus erklärt, warum chronische und auch manche akuten Hauterkrankungen durch Kratzen schlimmer werden. „Bei Kontaktdermatitis werden Mastzellen direkt durch Allergene aktiviert, was zu leichten Entzündungen und Juckreiz führt“, erklärt Seniorautor Daniel Kaplan von der University of Pittsburgh. „Als Reaktion auf Kratzen aktiviert die Freisetzung von Substanz P die Mastzellen über einen zweiten Weg. Der Grund, warum Kratzen mehr Entzündungen in der Haut auslöst, liegt also darin, dass Mastzellen synergistisch über zwei Wege aktiviert wurden.“





