Videoclips als Goldgrube für Forscher
Die Forscher fahndeten im Internet nach den Filmchen – und stießen auf eine Goldgrube an Daten, die Aufschluss über die Flugbahn, die Sprengkraft, die Beschaffenheit und das Lebensende des Meteoriten liefern. Zwei Teams um Peter Brown von der University of Western Ontario und Jiří Boroviča von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften stellen ihre Ergebnisse nun in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature” vor. Boroviča und seine Kollegen ermittelten, dass der Meteorit vor seinem Eintritt in die Atmosphäre vermutlich eine Masse von 12.000 Tonnen und einen Durchmesser von 19 Metern hatte. Mit einer Geschwindigkeit von 19 Kilometern pro Sekunde raste er Richtung Erde.
Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommen auch Olga P. Popova und ihre Kollegen, die den Meteoriten in der kommenden Ausgabe der Fachzeitschrift „Science” beschreiben. Sie schätzen seine Masse auf 13.000 Tonnen, seinen Durchmesser auf 20 Meter. Die Wissenschaftler geben außerdem das Alter des Gesteinsbrockens aus Chondrit an: Er ist 4,45 Milliarden Jahre alt, also nahezu so alt wie unser Sonnensystem.
Der Meteorit stammte wohl aus dem Hauptgürtel, einer Ansammlung von Asteroiden zwischen Mars und Jupiter, schreiben Boroviča und Co. in „Nature”. Möglicherweise hat er sogar einen großen Bruder: den erdnahen Asteroiden 86039, einen deutlich dickeren Brocken mit einem Durchmesser von 2,2 Kilometern. Die Umlaufbahnen der beiden würden so viele Übereinstimmungen aufweisen, dass sie vermutlich einst „Teil desselben Objektes waren”, erklären die Forscher. „Wir kommen zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Ähnlichkeit dieser Umlaufbahnen Zufall ist, 1:10.000 beträgt.”
Während 86039 noch im Orbit kreist, geriet sein kleiner Verwandter auf die schiefe Bahn und zerbarst, als er in die Atmosphäre eintrat. Bereits in 40 Kilometern Höhe begannen große Stücke des Gesteinsbrockens abzubrechen. Bis zu einer Höhe von 22 Kilometern hatte der Kern immerhin noch eine Masse von mehr als 1.000 Kilogramm – doch auch er zersplitterte schließlich.
Brown und seine Kollegen haben indes die Explosion genauer unter die Lupe genommen. Dazu werteten sie die Helligkeit des Feuerballs auf den Videos aus. Zur Spitzenzeit – als der Meteorit sich in rund 30 Kilometern Höhe befand – erschien die Explosion in der Luft ihren menschlichen Beobachter bis zu 30 Mal heller als die Sonne. Sie setzte die gleiche Energie frei wie 500 Kilotonnen des Sprengstoffs TNT. Das ist mehr als das 20-fache der Atombombe Fat Man, die die Amerikaner 1945 über Nagasaki abwarfen. Anders als eine Kernwaffe – deren Verhalten gern als Modell für sogenannte Luftdetonationen herangezogen wird – verursachte der Meteorit jedoch keine kugelrunde, sondern eine zylinderförmige Druckwelle, wie die Forscher feststellten. Das führte dazu, dass der Überdruck auf der Erde geringer ausfiel, als Modelle auf Basis von Atomwaffen vorhergesagt hatten.





