von THORSTEN DAMBECK
Zwei Sonnen strahlen hell im All, / bis sie aufeinanderprallen, / einsame Sterne ohne Wahl, / in kosmischer Gewalt gefangen“ – das hat das Programm ChatGPT verfasst. Innerhalb von Sekunden erscheinen diese ersten Zeilen eines Gedichts über Sternkollisionen auf dem Smartphone. Ob es tatsächlich dem Stil Friedrich Schillers ähnelt, wie von der KI-Software verlangt, mögen andere entscheiden. Astronomisch betrachtet, steht aber durchaus Richtiges im Text.
Ein Beispiel dafür ist der Stern τ Scorpii, der auch den hawaiianischen Namen Paikauhale trägt, was etwa Vagabund bedeutet. Mit bloßem Auge ist der Skorpionstern wenige Grad südlich vom roten Antares zu finden, sein Licht ist leicht bläulich. Auch wenn es wegen des beträchtlichen Erdabstands von rund 470 Lichtjahren nicht so scheint: Paikauhale ist ein greller Stern mit einer mehr als 20.000-fachen Sonnenleuchtkraft. Das liegt vor allem an seiner Masse. Sie übertrifft die der Sonne um das 17-Fache.
Kollision im Computer
Seit 2006 weiß man, dass τ Scorpii magnetisch ist – ein gar nicht so seltenes Phänomen. „Das trifft etwa auf zehn Prozent der massereicheren Sterne zu: auf solche, die mehr als 1,5 Sonnenmassen wiegen“, sagt Fabian Schneider vom Heidelberger Institut für Theoretische Studien.
Unter den magnetischen Sternen ist τ Scorpii jedoch eher Durchschnitt. Trotzdem hat er eine brachiale Geschichte: Noch vor wenigen Jahrmillionen war seine Masse nämlich auf zwei einzelne Komponenten eines Doppelsternsystems verteilt. Die beiden kamen sich zu nahe, wirbelten umeinander und verschmolzen schließlich zu einem einzigen Stern. Oder, um es mit dem Gedicht von ChatGPT auszudrücken: „Ein furioser Tanz beginnt, / aus Funken wird ein Flammenspiel, / zwei Himmelskörper die verschwinden, / ein neues Sternenkind erwacht zum Ziel“.
Ein deutsch-britisches Forscherteam um Schneider wollte es etwas genauer wissen und hat mit aufwendigen Simulationen am Computer den Crash nachvollzogen. Die Rechnungen lassen die dramatischen Wochen bei der Geburt von Paikauhale Revue passieren. Das Szenario geht von zwei Partnersternen mit neun- und achtfacher Sonnenmasse aus; beide umkreisen ihren gemeinsamen Schwerpunkt. Doch das System aus dem schwereren Primär- und dem leichteren Sekundärstern ist instabil, sodass sich das ungleiche Paar immer näherkommt. Dabei wird der Primärstern zerrissen.
Den weiteren Verlauf diktiert das Naturgesetz von der Erhaltung des Drehimpulses: Rund drei Sonnenmassen an ionisiertem Gas wirbeln in einer reifenförmigen Zone um das zentrale Übergangsobjekt der Sternkollision. Hohes Strömungstempo und heftige Turbulenzen im Plasma lassen dabei starke Magnetfelder entstehen. Der innere Kern des Übergangssterns wird aus dem Sekundärstern gebildet, wobei einstürzende Materie des vormaligen Primärsterns für kräftiges Massenwachstum sorgt. Die Transferrate beträgt dabei rund 1,4 Sonnenmassen pro Monat. Schließlich verschmelzen die Überreste des primären Sterns ganz mit dem vormals leichteren Partner.





