SIE GALTEN ALS Hoffnungsträger der Nahrungsmittelindustrie: Probiotika. Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO sind das „lebende Mikroorganismen, die einen über die Grundernährung hinausgehenden Nutzen für die menschliche Gesundheit haben”. 1994 kam mit dem Nestlé-Joghurt LC1 das erste Probiotikum auf den deutschen Markt. Die Firmen Danone und Yakult zogen nach und freuten sich zunächst über steigende Verkaufszahlen ihrer mit Bakterien angereicherten Joghurts und Drinks. Die Deutsche Gesellschaft für Konsumforschung beziffert den Umsatz in Deutschland für 2009 auf 573 Millionen Euro. Doch 2010 rutschte er auf 530 Millionen Euro ab und 2011 um weitere 10 Prozent auf 470 Millionen Euro – ein Hoffnungsträger auf Talfahrt.
2007 hatte die Europäische Union die Health-Claims-Verordnung erlassen. Sie verbietet Firmen, mit gesundheitsbezogenen Aussagen für ihre Produkte zu werben, sofern diese nicht wissenschaftlich belegt sind. Die Hersteller probiotischer Joghurts reichten rund 300 Anträge ein – die jedoch von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) alle abgelehnt wurden. Die Verbraucherschutz-Organisation Foodwatch setzte noch eins drauf und verlieh Danone für den Werbeslogan „Actimel aktiviert Abwehrkräfte” 2009 den Preis „Der goldene Windbeutel” für die dreisteste Werbelüge. Von da an ging es bergab mit den Umsatzzahlen.
Gibt es tatsächlich keinerlei wissenschaftliche Beweise für positive Wirkungen von Probiotika? „Doch”, sagt Stephan Bischoff, Medizin-Professor und Vorsitzender der Gesellschaft für Mukosale Immunologie und Mikrobiom. Er leitet das Zentrum für Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Tübingen und an der Universität Hohenheim. Bischoff unterstreicht: „Für sogenannte Risikogruppen gibt es sehr gute Daten, dass Probiotika Infektionen vorbeugen.” Zu den untersuchten Risikogruppen gehören infektanfällige ältere Menschen, Leistungssportler, Schichtarbeiter sowie Neu- und Frühgeborene.
„Dass der EFSA diese Studien nicht ausreichten, hat als Erstes einen banalen Grund”, erläutert der Wissenschaftler: Die in den Studien verwendeten Bakterienstämme waren in vielen Fällen unzureichend charakterisiert worden – die Firmen sind jetzt dabei, dies nachzuholen. Der zweite Grund, den Bischoff anführt, ist komplexer: „Die positiven Effekte von Probiotika ließen sich nur in streng genommen klinischen Bereichen klar nachweisen.” Anders ausgedrückt: Bei Menschen, die sowieso gesund sind, kann man einen gesundheitsfördernden Effekt – statistisch relevant – nur schwer belegen.
Dirk Haller findet diesen Ansatz ohnedies abwegig. „Die Frage muss doch anders lauten”, fordert der Professor für Ernährungswissenschaft, Inhaber des Lehrstuhls „Biofunktionalität der Lebensmittel” an der Technischen Universität München: „Welche Bevölkerungsgruppen brauchen ein stimuliertes Immunsystem, und wie lässt sich dieser Nutzen in klinischen Studien belegen?”
Haller und sein Team haben 2012 in einer Studie nachgewiesen, dass Lactobazillen im Darm durch Produktion des Enzyms Lactocepin Entzündungsreaktionen hemmen. Demnach eignen sich entsprechende Probiotika – zum Beispiel Actimel, LC1 und Yakult – zur Therapie der chronischen Darmkrankheit Colitis ulcerosa und auch des Reizdarmsyndroms.
Hallers Ansicht nach hat die Lebensmittelindustrie großen Nachholbedarf an derartigen Studien über die Wirksamkeit einzelner Bakterienstämme: „Die bisher verwendeten Stämme wurden weder entsprechend ihrer Funktionalität ausgewählt noch dahingehend überprüft.” Der Schwarze Peter liegt somit bei den Konzernen – wer der ESAF keine überzeugenden Daten vorlegt, wird abgestraft. Maren Emmerich ■





