Während die Energie weiterhin das gewohnte Zugpferd allen Treibens ist, wird die Rolle der Entropie immer aufregender – auch wenn ich das kaum glauben möchte. Die Biologen haben die Schrift des Physikers Erwin Schrödinger noch einmal gelesen, der die Frage „Was ist Leben?“ 1944 mit der Idee eines Codes beantwortet hat, aus dem die Doppelhelix aus DNA und mit ihr die Molekularbiologie hervorgegangen ist. Dabei hatte Schrödinger eine andere Sache im Sinn, nämlich die Frage, wie das Leben seine Ordnung bei der Vererbung weitergeben und im Verlauf der Evolution vermehren kann. Und er meinte, dass Leben dazu mit negativer Entropie umgehen muss. Das klang damals schon dunkel und bleibt heute noch dubios, aber inzwischen kann man genauer zeigen, dass Zellen zum Leben Entropie exportieren – die Entropiebilanz bekommt also tatsächlich ein negatives Vorzeichen –, und sie tun dies, weil ihr Stoffwechsel auf diese Weise erfolgreich dafür sorgt, dass Zellen sich fern vom thermodynamischen Gleichgewicht halten, was bekanntlich den Tod zu Folge hätte.
Der genauer werdende Blick auf die komplexen Lebensabläufe mit ihren metabolischen Strömungen lässt im Übrigen erkennen, dass sich eukaryontische Zellen dem Ansatz entziehen, den Ingenieure wählen würden, wenn sie vor der Aufgabe stünden, Leben (wie eine Maschine) bauen zu müssen. Die Morphologie eines komplexen Organismus und sein genetisches Geschehen lassen neben vielen zu regulierenden Einzelschritten ein Wechselspiel zwischen genetischen Signalen von der DNA bis zu den Organen und umgekehrt verlaufende ganzheitliche Wirkungen in das molekulare Milieu hinein erkennen. Beim Bau einer zellulären Struktur ändert sich dank dieser Vernetzung die Natur der Bausteine, die das Leben zu seiner Fabrikation einsetzt. Auf diese Weise gelingt es Organismen im Laufe ihres Lebens, ihre Umgebung so zu beeinflussen, dass sie die Forderungen der Thermodynamik mit der Entropie erfüllen können.
In diesen Tagen wenden sich auch Informatiker und Computerfachleute der Direktorin zu, zeigt doch ihre Analyse von Fehlern in Large Language Modellen (LLM) der KI, dass man diese „Halluzinationen“ durch das Messen von „semantischer Entropie“ in den Griff bekommen kann. Man muss nur eine Abschätzung der Entropie vornehmen, die bei der Bedeutung (Semantik) von Sätzen berechenbar wird. Das Verfahren ist trickreich, wie eine Publikation in der Fachzeitschrift Nature beschreibt, aber der Erfolg der Methode erlaubt den Autoren eine herrliche Wendung: Sie sagen nicht, dass LLMs nicht wissen, dass sie nicht wissen, sondern dass sie „nicht wissen, dass sie wissen, was sie nicht wissen.“ Unter dieser Vorgabe schlagen die Autoren vor, sich weniger um Halluzinationen und mehr um Konfabulationen zu kümmern. Fabulierende Menschen sind sympathischer als halluzinierende. Sie haben mehr Freude an der Entropie und ausreichend Energie.





