„Aber man kann doch mühelos fühlen, ob etwa ein Hemd trocken oder nass ist“, werden Sie einwenden, „und zwar unabhängig davon, ob man es am Leib trägt oder in Händen hält.“ Schließlich kennt wohl jeder, den mal ein Regenguss „bis auf die Haut“ durchnässt hat, das Verlangen, die triefende, sich unangenehm anfühlende Kleidung möglichst schnell gegen trockene zu wechseln. Doch auch hier unterliegt man einem Trugschluss. Denn das klamme Gefühl hat mit der Feuchtigkeit unmittelbar nichts zu tun, sondern resultiert allein daraus, dass nasser Stoff unsere Körperwärme schneller abtransportiert als trockener. Oder anders ausgerückt: Um das Wasser in der Kleidung zu verdunsten – also vom flüssigen in den gasförmigen Zustand übergehen zu lassen – wird Energie benötigt. Und die wird natürlich zuerst der Haut entzogen, wodurch sie sich abkühlt. Der Fachausdruck für dieses allgemein bekannte Phänomen lautet Verdunstungskälte.
Die Feuchtigkeits-Sinnestäuschung haben britische Wissenschaftler in einer Studie bestätigt, die sie im Fachblatt Journal of Neurophysiology veröffentlicht haben. Dabei mussten Studenten und Studentinnen ihren Unterarm abwechselnd in kaltes und warmes Wasser tauchen und anschließend beschreiben, wie sehr sie die Nässe gefühlt hatten. Übereinstimmend berichteten sie, die Feuchtigkeit in kaltem Wasser intensiver gespürt zu haben. Schwimmer kennen das: In kaltes Meerwasser zu springen, fühlt sich deutlich nasser an, als in einen beheizten Swimmingpool zu hüpfen. Umgekehrt nehmen wir die Wärme um uns herum umso intensiver wahr, je feuchter und damit schwüler es ist, je weniger unser Schweiß also verdunsten und uns damit kühlen kann. Stichwort: gefühlte Temperatur.
Als Resultat ihrer Untersuchungen kamen die Forscher zu folgendem Schluss: Wenn wir etwas als feucht oder nass empfinden, unterliegen wir einer klassischen Wahrnehmungsillusion. Wir fühlen nicht die Wirklichkeit, sondern das, was unser Gehirn aufgrund zahlreicher Erfahrungen gelernt hat, also im Grunde das, was wir glauben, fühlen zu müssen.





