… Sicher: Der Feldzug, den der König nach Griechenland unternommen hat, und die Niederlagen, welche die Perser bei Salamis (480 v. Chr.) und Platää (479 v. Chr.) erlitten haben, sind gesicherte historische Ereignisse und stellen wohl einen der Mißerfolge des Großkönigs dar. Die Ereignisse sind uns ausschließlich aus griechischen Quellen bezeugt, in erster Linie durch das imposante Geschichtswerk Herodots (wohl um 420 v. Chr. verfaßt). Dieses Werk hat der westlichen Welt seinen Stempel aufgedrückt und die Sicht der Ereignisse nachhaltig geprägt. In diesem Zusammenhang wird allzu oft vergessen, daß es sich dabei um einen Blickwinkel handelt, der von den Gegnern des persischen Reiches nachhaltig geformt wurde. Aus der Sicht des Großkönigs handelte es sich jedoch um Ereignisse, die sich an den äußersten Rändern seines Imperiums abspielten. So stellt sich die Frage nach der tendenziösen Färbung dieses Blickwinkels und danach, inwieweit er einer adäquaten Beschreibung des altpersischen Reiches überhaupt gerecht werden kann. Die Färbung beginnt bereits mit den uns erhaltenen Eigennamen. Wir verwenden wie selbstverständlich die durch die griechischen Ohren verformten Wortbildungen. Hayara ist ein unmittelbar nach der Thronbesteigung angenommener altpersischer Thronname, der ‚Herrschend über Helden‘ bedeutet und von den Griechen zu Xerxes verballhornt wurde. Kuru wurde zu Kyros, Kambujiya zu Kambyses und Hahamani zu Achämenes (davon wurde der Name des Königsgeschlechts abgeleitet: Hamaniiya, Achämenide). Darayavahu schließlich wurde zu Dareios, und Parsa ist Persepolis. Beschränkt sich die Verzerrung wirklich nur auf die Eigennamen? Um das Problem durch einen provokanten Vergleich sichtbar zu machen: Wie sähe unser Bild des Imperium Romanum aus, wenn die 25 v. Chr. gescheiterte Expedition des römischen Präfekten Aelius Gallus gegen Südarabien dazu geführt hätte, daß dort ein umfangreiches historiographisches Werk entstanden wäre, das nicht nur den Feldzug, sondern auch exkursartig die Geschichte des Augustus, der späten Republik und der römischen Bürgerkriege geschildert hätte, während sich vergleichsweise wenige Quellen aus dem Imperium selbst erhalten hätten? Die Konsequenzen eines solchen Zerrbilds sind weitreichend und folgenschwer. Sie zeigen unverkennbare Auswirkungen, die bis in die Gegenwart hinein spürbar sind. Die griechischen Quellen haben nicht nur ein aus der Sicht des Großkönigs marginales zu einem epochalen Ereignis aufgewertet, sondern sie haben damit auch Denk- und Deutungsstrukturen entwickelt, denen mentalitätsgeschichtlich und politisch ein überwältigender Erfolg beschieden sein sollte. Diese betreffen die Person des Großkönigs selbst, der als schwächlich, weibisch, grausam und hoffärtig, als Tempelzerstörer und Frevler par excellence charakterisiert wird, eine Darstellung, die in der griechischen Tradition beinahe kanonischen Charakter gewinnt. Dies schimmert selbst in scheinbar unverfänglichen Beschreibungen durch, so etwa, wenn in der modernen Literatur ein Teil des Wohnpalastes Hayaras als “Harem des Xerxes” figuriert und die dort gefundene Inschrift als “Harem-inscription” tituliert wird. Gleichzeitig wird die Auseinandersetzung mit den Persern zum Krieg zweier Welten hochstilisiert. Asien und Europa werden als unterschiedliche Räume erfaßt, die durch divergierende Lebensweisen charakterisiert sind. Dort der verweichlichte, dem Luxus verfallene Orientale, der Despotie unterworfen, der König in seinem Harem gefangen, unfähig, sich den realen Anforderungen eines Regenten zu stellen. Hier die hart erprobten und von einer kargen Umwelt gestählten Griechen, freisinnig und nur sich selbst gehorchend und letztlich politisch erfolgreich. Die Geburt Europas als geistige Konzeption hat in diesem historischen Milieu stattgefunden. In diesem Kontext wurden jene topisch fixierten und der Realität so fremden Parameter entwickelt, die sich über die Jahrhunderte der Geschichte bis in die Gegenwart hinein ihre Geltung bewahren konnten. Dabei wird allzu leicht vergessen, dass sie ihrerseits ursächlich mit der Geburt einer griechischen (später als europäisch interpretierten) Identität verbunden waren. Gräkozentrismus geht nahtlos in Eurozentrismus über. Und wie so oft: Identitätsfindung bedeutet gleichzeitig Ausgrenzung und die Entwicklung von Stereotypen. Es wäre an der Zeit, nicht nur die Herkunft dieser Einzelbilder stärker zu hinterfragen, ihre Anwendung im öffentlichen Diskurs unserer Tage kritischer zu beleuchten, sondern auch einem seit Jahrhunderten geschmähten Achämenidenkönig eine angemessene historische Beurteilung zukommen zu lassen, die der von ihm selbst gesetzten Hinterlassenschaft mehr Gewicht beimißt.




