Ob Tigermücke, Asiatische Buschmücke oder exotische Zeckenarten: In den letzten Jahren haben sich mehrere ursprünglich nur in südlicheren Gefilden vorkommende Tierarten bei uns etabliert, die als potenzielle Überträger von Infektionskrankheiten gelten. Die zunehmend milderen Winter und warmen Sommer begünstigen das Überleben solcher Vektorarten und der von ihnen übertragenen Viren oder Bakterien. Dadurch könnten künftig Tropenkrankheiten wie Dengue, Chikungunya oder das Fleckfieber auch bei uns auftreten. Erste Fälle des von Stechmücken übertragenen West-Nil-Fiebers hat es in Deutschland schon gegeben. Aber auch wetterbedingte Katastrophen können Krankheiten begünstigen, indem beispielsweise wasserlebende Keime sich nach Überschwemmungen ausbreiten oder überschwemmte Flächen zu Mückenbrutstätten werden.
Günstigere Bedingungen für 277 Infektionskrankheiten
Ob und wie sich verschiedene Klimafolgen auf Infektionskrankheiten und ihre Erreger auswirken, haben nun Camilo Mora von der University of Hawaii in Manoa und seine Kollegen genauer untersucht. Für ihre Metaanalyse werteten sie die Ergebnisse von 830 Studien aus aller Welt zu allen 375 bekannten Infektionskrankheiten aus, die in offiziellen Listen der Gesundheitsorganisationen aufgeführt sind. Neben klassischen, von Mikroorganismen wie Viren, Bakterien oder Pilzen übertragenen Infektionskrankheiten nahmen sie auch 40 nicht im klassischen Sinne übertragbare Krankheiten auf, darunter vor allem Allergien. “Auch deren Auslöser können durch Erwärmung, Überschwemmungen und Stürme verstärkt werden und werden immer mehr zu einem ernsthaften Gesundheitsproblem für Ausbrüche von Asthma, Haut- und Atemwegskrankheiten”, erklären die Wissenschaftler.
Bei der Auswertung fanden die Wissenschaftler 3213 dokumentierte Krankheitsfälle, für die ein Zusammenhang mit Klimafolgen nachweisbar war. “Diese Beispiele ließen sich auf 286 Krankheiten zurückführen, von denen 277 durch mindestens einen klimabedingten Faktor verstärkt wurden”, berichten Mora und sein Team. “Nur neun von Pathogenen verursachte Krankheiten wurden durch Klimarisiken negativ beeinflusst.” Insgesamt wurden den Analysen zufolge bereits 58 Prozent aller von Erregern verursachten Krankheiten durch den Klimawandel und seine Folgen begünstigt. Die Wege, durch die dies geschieht, sind dabei vielfältig. “Wir haben 1006 Arten identifiziert, die durch Klimafolgen über verschiedenste Übertragungsformen zu Fällen von pathogenen Krankheiten führen”, erklärt das Team.
Wirkung auf gut tausend verschiedenen Wegen
Den größten Einfluss hat dabei die Erwärmung: Sie begünstigt den Daten zufolge 160 Krankheiten, indem sie beispielsweise die Verbreitungsgebiete von Erregern und ihren Überträgern ausdehnt. Als Beispiele dafür nennen die Wissenschaftler Krankheiten wie Zika, Dengue, Malaria, Chikungunya, die Pest oder das West-Nil-Fieber, die durch sich in zuvor kühlere Gebiete ausbreitende Vektoren wie Stechmücken übertragen werden. Auch die Erwärmung des Wassers in Meeren und Binnengewässern kann die Ausbreitung von Krankheiten begünstigen und tut dies schon, wie das Team berichtet. So können sich Bakterien wie der Choleraerreger Vibrio cholerae oder bestimmte krankmachende Amöben im warmen Wasser besser vermehren und führen vermehrt zu Ausbrüchen auch in Gegenden, in denen dies früher gar nicht oder selten vorkam. Änderungen der Niederschläge und Überschwemmungen stehen den Daten zufolge mit 122 und 121 verschiedenen Krankheiten in Zusammenhang. Dazu gehören viele von Mücken oder wasserlebenden Erregern verbreitete Krankheiten. Wärme und veränderte Niederschläge können zudem günstigere Bedingungen für Nagetiere schaffen und Massenvermehrungen auslösen, die dann wiederum die Übertragung von Erregern wie dem Hantavirus oder der Pest auf den Menschen.





