Dabei leben Zecken deutlich nachhaltiger als wir. Wenn sie Lust auf Blutwurst haben, töten sie das Speisetier nicht. Und wenn sie beruflich verreisen müssen, um ein neues Blutvorkommen zu erschließen, verschwenden sie dabei keine fossilen Brennstoffe und befeuern so auch nicht die Klimakatastrophe. Und das, obwohl sie Kurzstrecke fliegen! Aber wie schaffen sie das, während wir dabei kolossal scheitern?
Lange war zu lesen, sie würden sich von Bäumen oder Sträuchern auf ihr Opfer fallen lassen und sich dort festbeißen. Doch das ist falsch. Denn für solche Base-Jumps müssten die federleichten Parasiten über umfangreiche ballistische, aerodynamische und meteorologische Kenntnisse verfügen, um nicht einfach von einer Sommerbrise verweht zu werden. Meistens lassen sie sich vielmehr vom Gebüsch abstreifen, während wir vielleicht auf der Suche nach Beeren und Pilzen durch den Wald streunen. Oder sie warten im Gras auf uns, bis wir uns dort zum Picknick niederlassen.
Möglicherweise können Zecken aber eben auch fliegen – und zwar, ohne die Kundschaft anzulügen, dass es klimafreundlicher ginge, wenn man den doppelten Preis bezahlen würde. Wie das die hoch subventionierten menschlichen Fluglinien machen.
Die Zecken sind dabei sogar rein elektrisch unterwegs. Nur woher kommt der Strom, und wo ist im Zeck die Batterie verbaut? Genau genommen geht es nicht so sehr um Strom. Sondern um einen Spannungs- bzw. Ladungsunterschied. Das kennen Sie, wenn Sie einen Luftballon an Ihren Haaren reiben, die danach zu Berge stehen. Oder wenn Sie mit den Hausschuhen über einen Spannteppich schlurfen. Das führt zu elektrostatischer Aufladung. Wenn Sie anschließend jemandem mit dem Zeigefinger an den Ohrmuschelrand tippen, dann blitzt es. Und je nach Kräfteverhältnis können Sie sich dann ausschütten vor Lachen oder müssen sehr schnell das Weite suchen.
In beiden Fällen spielt ein Ladungsunterschied eine tragende Rolle. Und wie stellen Zecken den her? Sitzen sie auf dem Grashalm und reiben sich einen Luftballon so lange an den Haaren, bis sie in die Luft gehen? Nein. In Wirklichkeit brauchen sich Zecken um die Ladung gar nicht selbst zu kümmern. Das machen unter anderem wir.
Wenn wir durch die Landschaft spazieren, reiben unsere Schuhsohlen am Boden, streifen wir Zweige oder Gräser und werden von Luftmolekülen gestreichelt. Dadurch reißen wir ein paar Elektronen mit – und schwupps, schon sind wir negativ geladen. Dabei entsteht ein elektrisches Feld. Und das nutzen dann vielleicht auch die Zecken. Und werden von Plus-Pol, etwa dem Grashalm, zum Minus-Pol geschleudert, etwa zu uns auf die Picknickdecke.
Zumindest über sehr kurze Strecken funktioniert das, wie Forscher um Sam England von der University of Bristol herausgefunden haben. Kurz sind die Strecken dabei natürlich nur nach menschlichen Maßstäben. Würde man die Distanzen auf unsere Größenverhältnisse umrechnen, so könnten wir so mühelos Straßenschluchten überqueren und von Wolkenkratzer zu Wolkenkratzer springen. Echte, kleine Zecken würden es so vom Grashalm zum Wirtstier schaffen. Ob sie es tatsächlich so machen, weiß man noch nicht: Beobachtungen in freier Natur fehlen bislang. Aber im Labor funktioniert diese Flugshow tadellos, und zwar mit ziemlich genau den Feldstärken, die man auch im Wald und auf der Heide erwarten würde.





