Zeuske beginnt zu Recht mit einer knappen Darstellung des Raums, seiner natürlichen Gestaltung und der vorhandenen autochthonen Bevölkerung sowie der Namensgebung Venezuelas als „Kleinvenedig“. Prägnant beschreibt er die Ausbeutungssituation in der Kolonialzeit. Ohne sich hier in zu vielen Daten und Fakten zu verlieren, informiert er den Leser über die koloniale Kastengesellschaft, in der Indios und Sklaven aus Afrika sowie die rechtlosen Mestizen, die pardos, für die weiße Oberschicht von Spaniern und Amerika‧spaniern arbeiten mussten. Er geht auch auf die wachsende Interessendivergenz zwischen der Kolonialmacht Spanien und der Oberschicht in den Provinzen Venezuelas ein, so dass der Leser einige verursachende Faktoren für die Loslösung von Spanien kennenlernt.
Großes Gewicht erhält dann die Darstellung der Unabhängigkeitsbewegung und Staatsbildung. Zeuske lässt den Leser an den zahlreichen Rivalitäten zwischen einzelnen Personen wie etwa Simón Bolívar und José Antonio Páez sowie Auseinandersetzungen zwischen einigen Provinzen über die geeignete Staatsform teilnehmen, woraus ein fehlender Konsens sogar innerhalb der machtwilligen Oberschichten deutlich wird. Dass deren nationalem Projekt darüber hin-aus ein allgemeiner innergesellschaftlicher Konsens fehlte, dass in dem neuen Staat Gesellschaftsschichten wie die Indios, Sklaven und die pardos, die ein eigenes nationales Projekt verfochten, ausge-schlossen waren, deutet Zeuske leider nur an.
Dem wichtigen 19. Jahrhundert widmet Zeuske viel Raum, doch erschlägt er nun den Leser mit einer unnötigen Fülle von Fakten, Daten und Namen, die die Grundzüge des historischen Prozesses, das heißt die Herausbildung der persönlichen Führerschaft (Caudillismo) statt wirksamer politischer Parteien, das Unvermögen kontroverser Auseinandersetzung ohne Blutvergießen, das Erstarken des Militärs als Institution sowie die wirtschaftliche Konzentration auf Agrarwirtschaft und Export, eher zudeckt als erhellt. Im Unterschied dazu schildert er in den Kapiteln zur Entwicklung Venezuelas im 20. Jahrhundert prägnant den durch das Erdöl ermöglichten Modernisierungsprozess sowie Erstarken und Probleme einer Demokratie, die zwar aus dem Willen zur Überwindung von Caudillismo und Militärherrschaft mit neuen Programmparteien Zivilisten an die Macht brachte, aber an der Unfähigkeit und Unwilligkeit der Oberschichten und neuen Mittelschichten zur Machtverteilung durch Strukturreformen scheiterte. Dadurch kam letztlich – ohne dass Zeuske hier einer eindimensionalen Entwicklung das Wort redet – der Chavismus an die Macht. Ob dessen Modell Erfolg haben wird, bleibt auch für Zeuske offen.
Rezension: König, Hans-Joachim




