Das Pflaster ist etwa fünf mal fünf Zentimeter groß. Die Pflegerin klebt es auf den linken Oberarm des Patienten. Dort wird es in den nächsten 24 Stunden eine wichtige Aufgabe erfüllen: Es wird den 75-Jährigen mit dem Wirkstoff Rotigotin versorgen. Weil das Gehirn des Parkinson-Patienten zu wenig Dopamin produziert, leidet er an typischen Störungen wie Zittern und verlangsamten Bewegungen. Dagegen gibt es auch Tabletten, die je nach Präparat jedoch mehrmals täglich geschluckt werden müssen. „Wenn man drei Tabletten am Tag einnehmen muss, wird meist das Pflaster bevorzugt”, berichtet Andres Ceballos-Baumann, Chefarzt und Parkinson-Experte am Neurologischen Krankenhaus München. Die gleichmäßige Wirkstoffmenge, die das Pflaster bei Tag und Nacht abgibt, verhindert insbesondere die morgendliche Unbeweglichkeit vieler Patienten.
In den USA wurde ein schwangerschaftsverhütendes Pflaster mit Soldatinnen beworben, die im Kampf nicht an die regelmäßige Einnahme der Pille denken. Aber auch Frauen in Zivil freuen sich über das Pflaster. Sie kleben es einmal pro Woche auf und können es dann bis zum nächsten Wechsel getrost vergessen.
Ob Verhütung, Parkinson, Alzheimer oder Schmerzen – für immer mehr Anwendungen stehen Pflaster als Alternative zur Verfügung (siehe Kasten „Wie Arzneipflaster wirken”). Rund viereinhalb Millionen Packungen verkaufen die deutschen Apotheken pro Jahr laut Angaben des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller. Etwa die Hälfte davon sind Schmerzpflaster, gefolgt von Hormon- und Nikotinpflastern. Ein Pflaster tut gut, bedeutet Aufmerksamkeit und Trost, das lernen wir als Kinder. So manche Schramme ist vergessen, sobald ein buntes Heftpflaster darauf klebt. Diese positiven Assoziationen dürften bei der Akzeptanz von Arzneipflastern eine Rolle spielen. Aber die Kleber haben auch ganz reelle Vorteile: Der Wirkstoff geht über die Haut direkt ins Blut, so wird der Umweg durch Magen, Darm und Leber umgangen, der die Arzneimittelwirkung beeinflusst. Patienten müssen nicht mehr darauf achten, ein Medikament vor, während oder nach dem Essen einzunehmen. Außerdem sind Pflaster eine gute Alternative für Menschen mit Schluckstörungen, Erbrechen und Durchfall, mit Spritzenangst, Gedächtnisstörungen und mangelnder Einnahmedisziplin. Kinder, chronisch Kranke oder Demente profitieren davon, aber auch Berufstätige, die viel unterwegs sind oder unregelmäßige Arbeitszeiten haben.
NEBENWIRKUNGEN gibt es genauso
Doch anders als die tröstlichen Wundpflaster der Kindheit haben medizinische Pflaster Nebenwirkungen – genau wie Tabletten und Spritzen auch. Nebenwirkungen treten nämlich unabhängig von der Darreichungsform auf. Auch Pflasterwirkstoffe gelangen über den Blutkreislauf in Magen, Darm und Gehirn. „Patienten mit Magenproblemen greifen oft zum Pflaster – in der irrigen Annahme, dass es ihr Übelkeitsproblem löst”, berichtet Ceballos-Baumann. Löst aber ein Wirkstoff Übelkeit aus, tut er das auch als Pflaster. Beim Verhütungspflaster deuten Studien sogar auf ein im Vergleich zur Pille leicht erhöhtes Thromboserisiko hin.
Hinzu kommen pflasterspezifische Nachteile: Kosmetika oder Hautöle beeinträchtigen die Klebewirkung. Löst sich ein Pflaster ab oder wird es beschädigt, stört das die Wirkstoffabgabe. Und empfindliche Haut wird leicht gereizt. „In fünf Prozent aller Fälle muss die Behandlung abgebrochen werden, weil das Pflaster starkes Hautjucken und Rötungen verursacht”, berichtet Wolfgang Oertel, Direktor der Klinik für Neurologie in Marburg und Sprecher des Kompetenznetzes Parkinson. Außerdem eignen sich Arzneipflaster nur für niedrig bis mittelhoch dosierte Wirkstoffe, und die Wirkung tritt erst einige Stunden nach dem Aufkleben ein. Das macht Pflaster bislang für akute Beschwerden unattraktiv.
Doch auch daran wird geforscht. Das Universitätsklinikum Halle testete an Patienten mit postoperativen Schmerzen ein neuartiges, in den USA entwickeltes Pflaster, das es ihnen erlaubt, die Dosierung selbst zu bestimmen. Während man nach einer Operation normalerweise an Infusionsschläuchen hängt, die jede Bewegung erschweren, reicht nun ein Fingerdruck aufs Pflaster. Ein schwacher Stromkreis schließt sich und setzt den Wirkstoff frei. Zugelassen ist das Pflaster ausschließlich für Kliniken und gegen mäßige bis starke postoperative Schmerzen.
KOMMT DAS ANTI-DURCHFALL-PFLASTER?
Eine andere Innovation entwickelt zurzeit das US-Unternehmen Iomai, dessen Pflaster vor dem gefürchteten Reise-Durchfall schützen soll, der durch das Gift eines E.-coli-Bakterien-Stamms ausgelöst wird. Das Pflaster setzt eine kleine Menge der Bakterien-Antigene frei, die dann über die Immunzellen der Haut zu den Lymphknoten transportiert werden, wo sie die Immunantwort auslösen. Die ersten Tests verliefen vielversprechend. Bis das Durchfall-Pflaster zu kaufen sein wird, muss es allerdings erst in weiteren klinischen Studien überzeugen.
Die Herausforderung besteht für die Forschung ohnehin nicht nur darin, neue Mittel zu finden. „Es kommt auch darauf an, bereits bekannte Wirkstoffe für den Einsatz in optimierten Darreichungsformen zu erschließen”, erklärt Jean-Daniel Bonny, Leiter Forschung und Entwicklung der Acino-Gruppe, die zu den führenden Arzneipflaster-Herstellern gehört. Eines seiner Teams entwickelt Pflaster gegen Schmerzen, Bluthochdruck, Parkinson und Alzheimer. Am Ende könnte die Branche auch vom demografischen Wandel profitieren. Denn gerade für ältere Menschen, die leicht vergessen, ihre Tabletten regelmäßig zu nehmen, sind Pflaster sehr hilfreich. ■
von Eva Tenzer
VON ALZHEIMER BIS VERHÜTUNG
Für die folgenden Anwendungen stehen in Deutschland Pflaster zur Verfügung:
· Alzheimer-Therapie
· Behandlung chronischer und akuter Schmerzen
· Harndrang und Inkontinenz
· Herzprobleme, zum Beispiel zur Angina-Pectoris-Prophylaxe
· Hormontherapie bei Männern
· Hormonsubstitution bei Frauen
· Parkinson-Therapie
· Raucherentwöhnung
· Reise- und Seekrankheit
· Schwangerschaftsverhütung
WIE ArzneiPFLASTER WIRKEN
Ein medizinisches Pflaster gibt seine Wirkstoffe zunächst an die oberste Hautschicht, die Epidermis, ab. Von dort wandern sie in hautnahe Blutgefäße und – je nach Wirkstoff – weiter ins Zielorgan. Geeignete Wirkstoffe müssen fett- und wasserlöslich sein, aus relativ kleinen Molekülen bestehen und schon bei geringer Dosierung helfen. Für „Transdermale Therapiesysteme”, wie Mediziner die Arzneipflaster nennen, gibt es zwei Systeme: Bei Matrix-Pflastern stecken Wirkstoff und Kleber in derselben Schicht. Bei Reservoir-Pflastern befindet sich zwischen Wirkstoff-Depot und Haut eine dünne Membran, die den Wirkstoff passieren lässt.





