Die 24 Beiträge des vorliegenden interkonfessionellen und -disziplinären Tagungsbandes sehen die Kirchen als Bestandteil der europäischen Kriegsgesellschaft. Auf der Grundlage neuer Quellen und Fragestellungen werden das Verhalten von Katholiken und Protestanten, von Theologen und der Kirchenleitung in Nord-, West- und Osteuropa dargestellt. Neben den deutschen Kirchen werden die Kirchen in den von Deutschen besetzten Gebieten besonders berücksichtigt.
Gefragt wird nach Wahrnehmungs- und Deutungsmustern sowie dem Erkennen und Nutzen von Handlungsspielräumen durch Christen und Amtsträger. Themen sind unter anderem die Mobilisierung kirchlicher Einrichtungen für den Krieg, Kriegserfahrungen und ihre Verarbeitung, Militärseelsorge, Fremdnutzung katholischer Einrichtungen, der Umgang mit Christen jüdischer Herkunft und Juden, Zwangsarbeit, Widerstand und Martyrium sowie Geschichtsbilder und -erinnerung nach 1945 in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Deutlich wird, dass die Reaktionsweisen der Kirchen sich je nach den Rahmenbedingungen sehr unterschieden. Dort, wo die Kirchen Träger der angegriffenen nationalen Identität waren, schuf die Ablehnung des Nationalsozialismus ein Widerstandspotential; in Deutschland erschwerte aber die nationale Bindung den Widerstand. Das Verhältnis zum NS-Regime wird hier auf die Formel der „antagonistischen Kooperation“ gebracht: So haben sich zum Beispiel beide Kirchen ausländischer Zivilarbeiter und Kriegsgefangener bedient, aber auch die Möglichkeiten seelsorgerischer Betreuung für die diskriminierten Zwangsarbeiter genutzt. Diesem informativen Band sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen!
Rezension: Hering, Rainer




