Es bietet exemplarische Felder und Fälle aus der Geschich‧‧te des Christentums. Aber die Thematiken sind nicht wirklich neu diskutiert, schon gar nicht mit Differenzierungen und neuen Perspektiven. Die leitenden Ideen, wie sie tatsächlich auch durchgezogen sind, heißen „kirchenpolitische Macht“ und „Definitionsmacht“, dementsprechend dann Marginalisierung, ja Vernichtung der Ausgegrenzten.
So wird etwa der Toleranzgedanke auf die Antike bezogen. Dass aber, wie Klaus Schreiner in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ dargelegt hat, nicht die Antike, sondern „die Kirchenväter … aus tolerantia einen Leitbegriff zwischenmenschlichen Verhaltens“ gemacht haben, wird nicht gesehen. Die Tatsache, dass mit Rainer Forst das Neue Testament, etwa anhand des „Reißt nicht aus!“ des Weizen/Unkraut-Gleichnisses (Mt 13, 24 –30), „für den gesamten europäischen Diskurs der Toleranz von zentraler Bedeutung“ gewesen ist, sogar „bis in die Neuzeit hinein“, erscheint ebenso wenig. Dem Buch zufolge ging es der päpstlichen Kirche (wer ist das überhaupt?) darum, „etablierte Machtstrukturen zu erhalten“.
Obendrein wird auch die These wieder aufgewärmt, Gewaltanwendung sei in allen monotheistischen Religionen zu finden und könnte als deren Kennzeichen gelten, wo doch Forscher wie Jan Assmann umgekehrt dem Monotheismus „ein neues Menschentum, das zu neuen Handlungen fähig ist“, zusprechen.
Oder nehmen wir die Hexenverfolgung. Zugeschrieben wird sie der Inquisition der Kirche. In Wirklichkeit haben die spanische und die päpstliche Inquisition sowohl Hexenprozesse als auch „Hexenhammer“ abgelehnt – wie man bei Wolfgang Behringer (München 2000) nachlesen kann –, und im Kirchenstaat haben die Päpste Todesurteile nicht zugelassen. Wohl aber haben sich hier die deutschen geistlichen Fürsten hervorgetan, so dass von den 25000 Opfern in Deutschland noch fast 10000 ihnen zuzuschreiben sind. Durchgeführt aber wurden all diese Prozesse, auch die in den geistlichen Herrschaften, von den weltlichen Richtern, nicht den kirchlichen. Der amerika‧nische Historiker Brian Levack schreibt dazu: „Wäre die weltliche Gerichtsbarkeit nicht mobilisiert worden, wäre die große Hexenjagd ein Schatten ihrer selbst geblieben.“
Die Ketzerproblematik gehört heute in jedes Verlagsprogramm. Man wünscht sich bei einem Thema, das so viel Unrecht und Blutvergießen umschreibt, eine Bearbeitung, die über die Devise hinausgeht, „dass die Kirche ihre Ketzer braucht, um die eigene ‚rechte‘ Lehre zu definieren“.
Rezension: Prof. Dr. Arnold Angenendt




