Wer glaubt, dies sei ein neues Phänomen, ein Ergebnis der Globalisierung des 21. Jahrhunderts, der wird in der glänzenden Studie des in Harvard lehrenden Historikers Sven Beckert eines Besseren belehrt. Baumwolle, nicht Gewürze, Edelsteine oder später Erdöl, trieb die Entwicklung des „globalen Kapitalismus“ voran. Diese Geschichte erzählt Beckert. Durch die Kontrolle über den Baumwollhandel stieg England, und hier vor allem Liverpool, zum Zentrum der Weltwirtschaft auf. Dort, im Norden Englands, entstand, ausgelöst durch die technische Innovation des maschinellen Spinnens und Webens, das schulemachende Prinzip der Fabrikarbeit.
Erledigte man vorher die Arbeit des Webens und Spinnens in Heimarbeit, so strömten die Arbeiter und Arbeiterinnen nun in die Fabrik und mussten sich am Takt der Maschinen orientieren. Gearbeitet wurde sechs Tage die Woche meist zwölf Stunden und mehr, für kärglichen Lohn. Das Industrieproletariat entstand.
Dennoch waren diese armen Schlucker besser gestellt als die Produzenten des agrarischen Rohstoffs, der vor allem in den Südstaaten der USA auf riesigen Sklavenplantagen angebaut und geerntet wurde. Ausbeutung der Arbeitskraft vieler und immenser Reichtum einiger weniger Plantagenbesitzer, Kaufleute und Finanziers gingen Hand in Hand. Letztere spannen ein weltweites Netz aus Kontakten, in dem der gute Leumund für reibungslose Transaktionen sorgte: Der Vorläufer der globalen Wirtschafts- und Finanzwelt entstand.
Beckert erzählt dies alles mit ungeheurem Detailreichtum und, was das Buch auch methodisch innovativ macht, ohne bevorzugte nationale oder regionale Perspektive. Vielmehr wechselt er permanent die Kontinente und Staaten, berichtet abwechselnd aus der Finanzwelt und vom Sklavenfeld. So gelingt eine dichte, eindringliche Beschreibung der Entstehung des modernen, globalen Kapitalismus.
Rezension: Prof. Dr. Jürgen Zimmerer




