Ein Wissenschaftlerteam verhindert, daß sich die Katastrophe vom Nios-See wiederholt.
Der Tod kam leise und tückisch. Er ließ den Menschen keine Chance. In einer entlegenen Gegend Kameruns starben am 21. August 1986 in wenigen Minuten fast 1800 Männer, Frauen und Kinder und sämtliches Vieh. Den Wissenschaftlern, die sofort anreisten, bot sich ein gespenstischer Anblick: Überall verstreut lagen Leichen, doch die Häuser und Gerätschaften waren intakt – nirgendwo Spuren von Gewalt. Kohlendioxid, so stellte sich bald heraus, war aus einem knapp zwei Kilometer großen Kratersee, dem Nios-See, aufgestiegen. Das unscheinbare Gewässer hatte eine riesige Kohlendioxid-Wolke ausgestoßen, insgesamt rund 200 Millionen Kubikmeter. Das unsichtbare Gas, anderthalbmal so schwer wie Luft, war die Täler hinabgeströmt und hatte die Menschen noch in 20 Kilometer Entfernung erstickt. „Die Katastrophe kann sich jederzeit wiederholen”, warnt der amerikanische Biologe George W. Kling.
Er will mit einem internationalen Team das Gas kontrolliert ablassen, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Das Unheil braut sich am Grunde des Sees zusammen, 209 Meter unter der Oberfläche. Dort strömt Grundwasser ein, in dem große Mengen Kohlendioxid aus einem alten Vulkan gelöst sind. Das Gas bleibt unter dem hohen Wasserdruck in der Tiefe gefangen, weil sich das Wasser des Sees fast nicht durchmischt. Denn jahreszeitliche Temperaturschwankungen, die europäische Gewässer immer wieder kräftig durcheinanderbringen, fehlen in den Tropen. Das Wasser des Nios-Sees gleicht einem belegten Sandwich mit vielen Schichten. Das Gas steckt in der Falle.
Jahr für Jahr strömen rund fünf Millionen Kubikmeter Kohlendioxid nach und reichern sich in der Tiefe an. Seit 1986 hat sich die Gasmenge, die nach der Eruption verblieben war, bereits mehr als verdoppelt. Sobald irgendwo im Wasserkörper der Gasdruck den auflastenden Wasserdruck übersteigt, ist die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten: Das Gas perlt aus, steigt auf und reißt Wasser mit sich. Eine fatale Kettenreaktion kommt in Gang. Schließlich entweicht ein Großteil des Kohlendioxids explosionsartig aus dem See – wie aus einer geschüttelten Sektflasche. Nach den Berechnungen der Experten ist es spätestens in elf Jahren wieder soweit. Dann hat die Gaskonzentration in 200 Meter Tiefe den kritischen Wert erreicht. Schon vorher könnten Störungen von außen den See plötzlich aufschäumen lassen: ein Erdbeben, ein Hangrutsch oder – gefürchteter GAU am Nios-See – der Bruch eines natürlichen Damms.
Doch Vorsorge ist möglich: Schon vor fünf Jahren hat der Franzose Michel Halbwachs gezeigt, wie man die geologische Zeitbombe entschärfen kann. Er ließ ein 14 Zentimeter dickes Rohr 205 Meter tief in den See hinab und pumpte Wasser hinauf. Alles Weitere erledigte die Natur. Aus dem angehobenen und damit übersättigten Wasser wurde Kohlendioxid frei: Ein mächtiger Strahl aus Wasser und Kohlendioxid schoß im ICE-Tempo aus dem Rohr und warf eine 25 Meter hohe Fontäne auf.
Das internationale Team um George Kling, das kürzlich seine Arbeit aufgenommen hat, will nach und nach insgesamt zwölf solcher Rohre auf schwimmenden Plattformen installieren. Parallel soll der knapp 100 Kilometer entfernte Monoun-See entschärft werden, der noch brisanter ist als der Nios-See. 1984 waren hier bei einer Gaseruption 37 Menschen erstickt – und seitdem hat sich erneut Gas angesammelt. Jüngste Messungen zeigen: Die Kohlendioxid-Sättigung hat in 60 Meter Tiefe bereits 80 Prozent überschritten. Die Zeitbombe tickt.
Klaus Jacob





