Diese jüngste Episode begann im Oktober 2025, als Kevin Weil, Vizepräsident für Wissenschaft beim KI-Entwickler OpenAI, auf X-Twitter schrieb, dass GPT-5 Lösungen für zehn zuvor ungelöste Erdős-Probleme gefunden und Fortschritte bei elf weiteren gemacht habe. Dies wurde kurz darauf von mehreren anderen Forschern bei OpenAI bestätigt.
Doch was zum Teufel sind die Erdős-Probleme? Hierbei handelt es sich um eine Sammlung von über 1.000 mathematischen Problemen, die vom ungarischen Mathematiker Paul Erdős im vergangenen Jahrhundert zusammengestellt wurden, und von denen aktuell noch etwa 60 Prozent ungelöst sind. Sie befinden sich in Bereichen wie Zahlentheorie, Kombinatorik, Graphentheorie, Mengenlehre und anderen Themenfeldern, bei denen normale Menschen lediglich ein „Oh, wie interessant …“ hervorpressen und dann umgehend rückwärts den Raum verlassen.
Eine offizielle Liste aller Erdős-Probleme gibt es nicht – nur eine private Website, die vom Mathematiker Thomas Bloom aus einer persönlichen Leidenschaft heraus betrieben wird. Die Erdős-Probleme haben aus Sicht der meisten Mathematiker keine hohe Relevanz und sind daher bei weitem nicht so prestigeträchtig wie die berühmten Millennium-Probleme. Vermutlich ist der Großteil der Erdős-Probleme also nicht deshalb ungelöst, weil sie so schwierig sind, sondern weil sich kaum jemand wirklich um sie schert.
Wiederentdeckte Beweise
Aus Perspektive der KI-Forschung wäre es dennoch interessant, wenn ein großes Sprachmodell wie GPT-5 tatsächlich einige dieser offenen Erdős-Probleme gelöst hätte. Kurz nachdem die OpenAI-Forscher dies verkündet hatten, stellte sich jedoch heraus: Die KI hatte den Beweis gar nicht selbst erbracht, sondern lediglich bereits existierende Lösungen in der Literatur gefunden, die auf der Website von Thomas Bloom nicht aufgeführt waren und dem Mathematiker auch nicht bekannt waren. Der britische KI-Forscher und Nobelpreisträger Demis Hassabis von Google DeepMind, kommentierte dies online lediglich mit den Worten: „Das ist peinlich.“
Wenn Sie mich fragen: Selbstverständlich hätten die OpenAI-Forscher vor ihrer Behauptung überprüfen sollen, ob die Beweise bereits in der Literatur bekannt sind. Zumal sie dazu scheinbar nur ChatGPT hätten fragen müssen. Dennoch demonstriert dieses Beispiel eindrucksvoll das Potenzial von großen Sprachmodellen als Recherchewerkzeug. Immerhin wusste selbst der Betreiber der Webseite für die Erdős-Probleme nichts von der Existenz dieser Beweise.
Ein anderes Team von Mathematikern nutzte ebenfalls ChatGPT – in diesem Fall, um ein Gegenbeispiel zu einem der Erdős-Probleme zu finden. Sie bemerkten jedoch selbst, dass es lediglich die Wiederentdeckung eines bereits existierenden Beweises war.





