Dennoch gibt es zwei gute Argumente gegen die Kernkraft: Sie ist teuer, und der Bau der Kraftwerke dauert zu lange, um mit ihnen das Klima zu retten. Aber sind diese Argumente wahr?
Beginnen wir mit der Bauzeit: Von Atomkraftgegnern wird gern behauptet, der Bau eines Kernkraftwerks dauere ein Jahrzehnt oder länger. Tatsächlich lag die durchschnittliche Bauzeit (ohne Berücksichtigung der Planungszeit) in den vergangenen drei Jahrzehnten jedoch bei nur 6 bis 7 Jahren. Im Vergleich dazu werden Kraftwerke für fossile Brennstoffe allerdings bereits nach durchschnittlich 3 bis 4 Jahren fertiggestellt, kleinere Gaskraftwerke manchmal schon nach zwei Jahren. Und Kraftwerke für erneuerbare Energien können sogar noch schneller gebaut werden. Es stimmt also, dass der Bau eines Kernkraftwerks im Durchschnitt länger dauert als der anderer Kraftwerke. Aber der Unterschied ist nicht so groß, wie gern behauptet wird.
Die Kosten für den Bau eines neuen Kernkraftwerks belaufen sich unterdes in der Regel auf 5 bis 10 Milliarden US-Dollar. Allerdings ergibt es nicht wirklich Sinn, über die Gesamtkosten eines Kraftwerks zu diskutieren, ohne zu wissen, wie viel Strom es produziert. Das wäre so, als würde man über die Kosten von Wein sprechen, ohne zu sagen, ob es sich um den Preis für ein Glas oder ein Fass handelt. Um die erwähnten Kosten mit denen anderer Kraftwerkstypen vergleichen zu können, muss man also die Kosten pro erzeugter Energiekapazität betrachten. Oder als Einheit: US-Dollar pro Kilowattstunde. Dafür werden sämtliche Kosten für Bau und Betrieb zusammengezählt und durch die Strommenge geteilt, die das Kraftwerk während seiner gesamten Lebensdauer produziert. Dabei zeigt sich: Atomstrom ist derzeit etwa dreimal so teuer wie Solarstrom und mehr als doppelt so teuer wie die Stromerzeugung mit Gaskraftwerken.
Die Kosten für Atomstrom sind also nicht um einen Faktor 10 oder gar 100 höher, sondern liegen noch in derselben Größenordnung. Für mich als Theoretische Physikerin erscheinen die Werte damit praktisch identisch – weshalb ich als Vermögensberaterin wohl eher ungeeignet wäre.
Doch was macht die Atomkraft so teuer? Während die Betriebskosten von Kernkraftwerken recht moderat ausfallen, sticht beim Atomstrom besonders der Bau der Kraftwerke als Kostenfaktor heraus – wobei es große Unterschiede zwischen den Ländern gibt: Ein Bericht von Forschern des Massachusetts Institute of Technology aus dem Jahr 2018 ergab, dass die Baukosten für ein Kernkraftwerk in Ostasien 3.000 bis 4.000 US-Dollar pro Kilowatt betragen, während sie in Europa und Nordamerika mit 8.000 US-Dollar pro Kilowatt fast doppelt so hoch sind.
Laut einer Studie in der Fachzeitschrift Joule aus dem Jahr 2020 liegt der Grund für diese großen Unterschiede in der stark zurückgegangenen Arbeitsproduktivität in Europa und Nordamerika. Bei kürzlich gebauten Anlagen sei diese bis zu 13-mal niedriger als in den 1950er-Jahren. Und das sei der Hauptgrund dafür, dass sich die Kosten für den Bau der Anlagen von 1976 bis 2017 mehr als verdoppelt haben.





