Der Obergermanisch-Rätische Limes bestand aus Wachttürmen, einer durchgehenden Palisade bzw. Mauer sowie dahinter liegenden Kastellen. Nach unserem heutigen Verständnis von der „Grenze eines Weltreiches“ erwecken diese dauerhaften Anlagen den Eindruck von Macht und klarer Abgrenzung, aber auch von Schutz oder Angst vor Bedrohung. Dieser Eindruck wird allerdings durch den Umstand relativiert, daß diese Form einer durchgehend befestigten Landgrenze für das Römische Reich eher untypisch war und die Römer eigentlich Flußgrenzen oder natürliche Grenzzonen wie Wüsten oder das Meer bevorzugten. Die Geschichte und Struktur des Limes ergab sich aus der politischen und gesellschaft-lichen Situation an Rhein und Donau am Ende des 1. Jahrhunderts.
Anders als heute war der Begriff limes für die Römer jedoch nicht die Bezeichnung für eine römische Grenzanlage im heutigen Südwestdeutschland. Mit dem Wort limes umschrieben die Römer im 1. Jahrhundert Schneisen und Bahnen durch Wälder oder unwegsames Gelände, die von Soldaten während einer Offensive angelegt wurden. Während des 2. bis 4. Jahrhunderts wurde der Begriff dann häufiger im Sinn einer militärisch kontrollierten Grenzzone benutzt. In einem völkerrechtlichen Sinn erscheint das Wort lediglich in einer spätantiken Biographie Kaiser Hadrians. Als juristischer Ausdruck für die Grenze des Römischen Reiches zu einem benachbarten Volk oder Stamm verwendeten die Römer dagegen die Begriffe fines oder terminus.
Die durchgehend befestigte Grenzlinie des Obergermanisch-Rätischen Limes steht am Ende einer etwa 150 Jahre dauernden Entwicklung seit den Germanen-Feldzügen des Augu-stus seit 12 v. Chr. Die Frage einer möglichen Abgrenzung der besetzten Gebiete stellte sich in der Eroberungsphase zunächst nicht. Die Niederlage des Varus und seiner Legionen im Jahr 9 beim heutigen Kalkriese in der Nähe von Osnabrück beendete jedoch die römischen Offensivpläne. Nun mußte geklärt werden, wie das eroberte Gebiet zukünftig kontrolliert werden sollte.
Wie an anderen Grenzen des Reiches orientierte sich die Armee zunächst an den naturräumlichen Gliederungen, wobei den Flüssen Rhein und Donau als schwer zu überschreitenden Hindernissen eine entscheidende Bedeutung zukam. Gleichzeitig markierten die Flüsse im wesentlichen die Grenze zwischen den keltischen Stämmen im Westen und Süden sowie den Germanen im Norden. Diese Flußgrenzen blieben am Niederrhein und an der unteren Donau für die nächsten 400 Jahre auch nahezu unverändert.
Im heutigen Südwestdeutschland wurde die Grenze dagegen bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts noch mehrmals vorverlegt. In fünf Zeitphasen bauten die Römer hier über 150 K-stelle und schließlich die durchgehende Limeslinie mit ihren etwa 900 Wachttürmen. Die Frage nach dem Grund dieses enormen Aufwands stellt sich um so mehr, wenn man bedenkt, daß außer den germanischen Chatten im heutigen Nordhessen in dieser Region keine größeren Stammesverbände als potentielle Gegner Roms existierten. Die Gründe dafür liegen in der verkehrstopographischen Situation Süddeutschlands, die sich im Verlauf mehrerer Krisen im 1. Jahrhundert als großer strategischer Nachteil für Rom bemerkbar machte, mußten doch alle Truppen, die vom Niederrhein an die Donau wollten, einen weiten Weg um das Rheinknie herum und durch das Alpenvorland nehmen. Um diesen Weg zu verkürzen, bauten die Römer um 40/50 zunächst eine durchgehende Kastellkette an der Donau vom Ostrand des Südschwarzwaldes aus, so daß der Fluß auf voller Länge als Verkehrsweg genutzt werden konnte. Nach der Niederschlagung des Bataver-Aufstands am Rhein im Jahr 70 folgte in den Jahren 73/74 unter Kaiser Vespasian der Bau einer Straße über den Schwarzwald durch das Kinzigtal an den Neckar bei Rottweil und von dort an die Donau.




