Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken: Unser Gehirn muss verschiedene Wahrnehmungen gleichzeitig verarbeiten, millionenfach Informationen speichern und dabei verschiedene Bewegungen koordinieren können. Kein anderes Organ ist so vielseitig und leistungsfähig. Unser Gehirn ist eine geniale Konstruktion – erklären Wissenschaftler immer wieder. Doch der Neurowissenschaftler und Hirnforscher David J. Linden von der Johns Hopkins University in Baltimore sieht das ganz anders. In seinem Buch lädt er die Leser ein, sich das eigene Gehirn einmal genauer anzuschauen.
Schnell wird klar: Der Aufbau unserer Gehirnstrukturen ist keineswegs ideal, sondern eher umständlich. Die Informationsverarbeitung ist für die zahlreichen Aufgaben im Grunde viel zu langsam. Etliche Prozesse finden parallel in verschiedenen Gehirnteilen statt und kommen sich gegenseitig in die Quere. Das Gehirn ist eben kein optimaler Denkapparat, sondern musste im Lauf der Evolution immer mehr Aufgaben übernehmen. Dazu wurde es ständig ausgebaut und umgebaut. Äußere Zwänge und der Baumeister Zufall führten zu einem verschachtelten Durcheinander. Das ist so, als ob Autos heute immer noch auf der Basis eines Ford T von 1925 gebaut würden, erklärt David J. Linden. Nichts wird verworfen, alles wird wiederverwendet.
Im Plauderton stellt der renommierte Forscher verschiedene Fachbereiche der modernen Neurowissenschaft vor. Wie zufällig beantwortet er genau die Fragen, die dem Leser gerade in den Sinn kommen. Die Antworten bestehen manchmal aus detaillierten biochemischen Erläuterungen und manchmal aus kuriosen Einblicken in die tägliche Arbeit der Hirnforscher. Linden berichtet über Liebespaare im Computertomographen, über gestresste Mäuse, die sich in Labyrinthen verlaufen, und über Forscher, die sich im Fingerhakeln üben. Alles im Dienste der Wissenschaft.
Auch brisante Themen wie Sex im Gehirn, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Suchtentstehung oder Religion als Konstrukt des Gehirns spart der Autor nicht aus. Auf Beispiele aus der Medizin verzichtet er dagegen weitgehend. Lieber führt Linden elegant Erkenntnisse aus Evolutionsbiologie und Hirnforschung zusammen, um zum Schluss seine Leser staunen zu lassen, dass ein derartiges Zufallsprodukt wie unser Gehirn doch so gut funktioniert. Michael Lange
David J. Linden DAS GEHIRN – EIN UNFALL DER NATUR Rowohlt, Berlin 2010 316 S., € 19,95 ISBN 978–3–498–03932–5





