Von TIM SCHRÖDER
„Goliat“ ist wirklich riesig. Mit ihren 112 Metern Breite und 75 Metern Hö he ist die schwimmende Ölplattform so groß wie der Kühlturm eines Kraftwerks. Doch nicht die schiere Größe der „Goliat“ macht sie außergewöhnlich, sondern der Ort, an dem sie sich befindet. Sie schwimmt in der Barentssee, 85 Kilometer nördlich der norwegischen Stadt Hammerfest in arktischen Gewässern und ist die am weitesten im Norden gelegene Ölplattform der Welt. „Goliat“ ähnelt einem überdimensionalen Eimer, der im Meer treibt. Sollten Eisschollen vorbeitreiben, gleiten sie an der runden Außenhaut entlang, ohne Schaden anzurichten.
„Goliat“ ist eine FPSO, eine Floating Production Storage and Offloading-Unit –also eine Plattform, die Erdöl aus dem untermeerischen Grund holt, es zwischenspeichert und dann auf Tanker pumpt, die es ans Festland bringen. Insgesamt 32 Bohrlöcher befinden sich am Grund der Barentssee, aus denen das Öl über viele Hundert Meter lange, bewegliche, frei hängende Leitungen hoch zur Plattform gepumpt wird. Die Unterwassertechnik dafür sitzt direkt am Meeresgrund in acht riesigen wasserdichten Containern: Steuerungstechnik und Pumpen, sogenannte Eruptionskreuze, die den Druck im Bohrloch steuern, Kontrollsysteme und hydraulische Anlagen. Alles zusammen ist das ein ganzes Industrierevier am Meeresboden.
Eine riesige Offshore-Industrie
Das norwegische Goliat-Ölfeld zeigt, was heute in Sachen Gas- und Ölförderung im Meer möglich ist, und verdeutlicht, wie viel Aufwand Mineralölkonzerne betreiben, um Erdgas und Erdöl aus dem Meer zu holen. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA in Paris machen die aus dem Meer geförderten Öl- und Gasmengen heute mehr als ein Viertel der weltweiten Gesamtproduktion aus. Weltweit werden jährlich gut 4000 Millionen Tonnen Erdöl gefördert – aus dem Meer etwa 1300. Die Menge des Öls aus dem Meer ist über die vergangenen 20 Jahre relativ stabil geblieben. Wurden irgendwo ausgebeutete Ölfelder geschlossen, kamen anderswo neue hinzu. Erdgas dagegen hat an Bedeutung zugelegt.
Weltweit werden heute jährlich rund 3500 Milliarden Kubikmeter Erdgas gewonnen. Der Anteil aus dem Meer ist über die vergangenen 20 Jahre um 50 Prozent angestiegen und liegt heute bei rund 1000 Milliarden Kubikmetern. Weltweit sind inzwischen rund 6500 Offshore- Erdöl- und Erdgasförderanlagen in Betrieb, wobei viele davon deutlich kleiner als „Goliat“ sind. Gefördert wird vor allem in Gewässern im Nahen Osten, vor Brasilien sowie in der Nordsee, im Golf von Mexiko, im Nigerdelta und im Kaspischen Meer. Weil die Ölpreise über lange Zeit gestiegen sind, ist auch die aufwendige Gas- und Ölgewinnung in der Tiefe rentabel geworden. Mit einer modernen Bohr- und Fördertechnik kann aus immer größeren Wassertiefen gefördert werden. Erdöl und Erdgas werden heute aus Lagerstätten geholt, die in Wassertiefen von mehr als 3000 Metern liegen und mehr als 150 Kilometer von der Küste entfernt sind.





