Friedrich Barbarossa wurde im 19. Jahrhundert zum gefeierten, in Dichtung, Historienbildern und Denkmälern vergegenwärtigten deutschen Nationalmythos. Dieses wildbewegte Nachleben hat zwei Ursachen. Erstens die Tat-sache, dass er fern seiner Heimat gestorben und beigesetzt worden war: Ein Jahr nachdem Barbarossa mit einem Ritterheer zum Kreuzzug aufgebrochen war, ertrank er am 10. Juni 1190 im Fluss Saleph in der heutigen Südosttürkei. Wegen der Schwierigkeiten, die der Transport eines Leichnams damals bereitete, wurde er an drei verschiedenen Orten begraben: die leicht verweslichen Eingeweide wenige Tage später im nahe gelegenen Tarsus, das zum Weitertransport eingesalzene Fleisch etwa drei Wochen später in Antiochia, die abgekochten Gebeine wiederum Wochen später in Tyrus. Wäre der Staufer wie seine salischen Amtsvorgänger im Dom zu Speyer beigesetzt worden, hätten die Deutschen sein Grab als Beweis seines Todes nicht aus dem Blick verloren. So aber kehrte der spurlos verschwundene Kaiser auf Umwegen in ihre Erinnerung zurück: Seit dem 16. Jahrhundert glaubte man, er sei in einen Berg entrückt worden und warte dort auf seine Wiederkehr. Der im heutigen Sachsen-Anhalt gelegene Kyffhäuser war nur ein Ort von vielen, an denen Barbarossa schlafen sollte.
Aber, und das ist der zweite Grund für Barbarossas postume Karriere, seit dem frühen 19. Jahrhundert mauserte sich das Motiv vom entrückten Herrscher unter dem Einfluss der deutschen Nationalbewegung zu einer vaterländischen Prophetie. Die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806, die Niederlagen gegen Napoleon und die Zersplitterung Deutschlands bildeten den zeitgeschichtlichen Hintergrund, vor dem der schlafende, aber wiederkehrende Kaiser zum Symbol der erhofften nationalen Einheit wurde. Die vielgelesenen „Deutschen Sagen“ der Brüder Grimm (1816) und Friedrich Rückerts Gedicht „Barbarossa“ (1817) sicherten der Kyffhäuser-Sage weite Verbreitung…
Literatur: Knut Görich, Friedrich Barbarossa. Eine Biographie. München 2011.
Prof. Dr. Knut Görich




