Anne-Laure Briatte gebührt das Verdienst, mit ihrer 2013 in Frankreich erschienenen und nun in deutscher Sprache vorliegenden Dissertation eine erste Gesamtdarstellung des sich selbst als „radikal“ bezeichnenden Flügels der deutschen Frauenbewegung erarbeitet zu haben. Sie verfolgt die Geschichte des 1899 gegründeten „Verbands fortschrittlicher Frauenvereine“ über seinen Eintritt in den „Bund Deutscher Frauenvereine“ (BDF) im Jahr 1907 bis zu seiner Auflösung im Ersten Weltkrieg. Briatte entwirft Porträts der führenden „radikalen“ oder „fortschrittlichen“ Frauenrechtlerinnen, und sie fragt nach dem Einfluss der „Radikalen“ auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung des Kaiserreiches. Als Quellen dienen ihr insbesondere die Zeitschriften der Bewegung und die Ego-Dokumente ihrer Protagonistinnen.
Die Autorin stellt an den Anfang der „radikalen“ Frauenbewegung die Gründung des Vereins „Frauenwohl“ in Berlin durch Minna Cauer 1888. Er und sich reichsweit ähnlich gründende Vereine machten bald in den Fragen der Verbesserung der Mädchenbildung, der Rechtsstellung des weiblichen Geschlechts, der Sittlichkeitsfrage und des Frauenstimmrechts von sich reden. Und sie begriffen sich als Vereine, die sich der gesellschaftspolitischen Propaganda (der zeitgenössische Begriff für Agitation) verschrieben. Dominierte anfangs in der Bewegung der Kampf um Mädchenabitur und Frauenstudium, so widmeten sich die Radikalen seit der Jahrhundertwende vor allem der Sittlichkeitsfrage und dem Frauenstimmrecht. Dabei fiel es ihnen nicht leicht, Bündnispartner zu finden. Der Versuch, mit der sozialdemokratischen Arbeiterinnenbewegung zu kooperieren, scheiterte am Widerstand Clara Zetkins. Auch die Zusammenarbeit mit der „gemäßigten“ Frauenbewegung zeitigte nur ambivalente Ergebnisse. Zwar stiegen manche der „Radikalen“ in die Führungsriege des BDF auf, und sie beeinflussten dessen Haltung zur Sittlichkeitsfrage; doch nicht nur in der Stimmrechtsfrage versagte der BDF die Unterstützung.
Briatte sieht im Fall des Koalitionsverbots in Preußen 1908 eine deutliche Zäsur in der Entwicklung des „Verbands fortschrittlicher Frauenvereine“. Von nun an war Frauen der Eintritt in politische Parteien erlaubt. Doch den „Radikalen“ zeigten auch die liberalen Parteien die kalte Schulter, als es um die Aufnahme des Frauenstimmrechts in die Parteiprogramme ging. Persönliche Konflikte zwischen den Führerinnen der Bewegung und Uneinigkeit in der Frage, ob ein demokratisches oder das Drei-Klassen-Wahlrecht für Frauen gefordert werden solle, trugen zur Schwächung der Bewegung bei. Und so konnte es ihr auch im Ersten Weltkrieg nicht mehr gelingen, eine laute Stimme für den Frieden zu erheben.




