Das Buch des am Deutschen Historischen Institut in Warschau tätigen Historikers Andreas Kossert, der seiner „Studie über die Vertriebenen den Titel „Kalte Heimat“ gegeben hat, ist verdienstvoll, weil es diese Neubewertung der Vertriebenen-Integration für ein breites Publikum gekonnt zusammenfasst. Bemerkenswert ist auch das positive Echo der Öffentlichkeit, das eine Korrektur bisheriger Erinnerungspolitik verspricht.
Kossert präsentiert gleich zu Anfang seine Kernthese: „Abgesehen von der Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden hat nichts, was auf die NS-Wahnherrschaft zurückzuführen ist, der deutschen Gesellschaft so schwere Wunden geschlagen und das Land so versehrt [wie die Vertreibung von Millionen Deutschen]. Doch die meisten Deutschen wollten das nicht sehen …“ Es folgen Grundinformationen über die Vertreibung und zur Lage der Vertriebenen nach 1945. Der westdeutsche Lastenausgleich wird gewürdigt und angemessen relativiert. Die Ambivalenz der Integrationspolitik in Westdeutschland berührt Kossert, wenn er solchen Integrationshilfen den illusorischen Rückkehranspruch entgegenstellt. Um 1970, als die „neue Ostpolitik“ das Fait accompli endlich anerkannte, driftete der organisierte Teil der Vertriebenen ins Ghetto der „ewig Gestrigen“ ab.
In der DDR hingegen war schon seit 1945/1949 eine Politik radikaler Zwangsassimilation betrieben worden, die das dort so genannte „Umsiedler-Problem“ öffentlich zum Verschwinden brachte. Die Einbeziehung der vier Millionen in der DDR lebenden Vertriebenen ist ein wichtiges Plus der Kossert’schen Darstellung.
Hinsichtlich der Funktion der Kirchen im Integrationsprozess betont Kossert weniger den Effekt interkonfessioneller Pluralisierung, sondern die anfängliche Wirkung vertriebener Gläubiger als „Ferment“. Über die differenzierte Darlegung des Vertreibungs- und Vertriebenen-Themas in Literatur und Medien gelangt er zur Einschätzung des „kulturellen Erbes der Vertriebenen“ – vom „Vermächtnis der verlorenen Landschaften“ bis zur Alltagskultur. Unter dem Titel „Unbewältigter Schmerz“ geht es schließlich um die Langzeitwirkung der Gewalterfahrungen.
Natürlich kann bei einem Buch, das einen derart weiten Bogen schlägt, nicht jede Darstellung akzeptiert werden. So gab es für die „Heimatlosen“ vor 1953 keineswegs „Bezeichnungen von größter Beliebigkeit“, vielmehr existierten konkurrierende Sprachpo‧litiken. Dass die Einheimischen Deutschland „ganz allein“ wiederaufgebaut hätten, stand weniger im Zentrum harmo-nisierender Sonntagsreden als eine angeblich konfliktfreie Gemeinsamkeit. Die Bewertung der „Charta der Heimatvertriebenen“ fällt zu positiv aus, ohne neuere Forschungskontroversen zu berühren. Angesichts der Brandt’schen Ostpolitik waren die Vertriebenen zutiefst gespalten, nicht nur verbittert.




