Wie viele Jubiläen braucht der Mensch? In diesem Jahr begehen wir den 650. Jahrestag der Veröffentlichung der Goldenen Bulle. Außerdem feiern wir Mozarts 250. Geburtstag, gedenken des Untergangs des Alten Reiches vor 200 Jahren und des 150. Todestages Heinrich Heines. Im Jahr, als Heine starb, fanden Arbeiter in einem Kalksteinbruch bei Mettmann den Neandertaler. Auch dieser Fund jährt sich also zum 150. Mal. Diese Daten sind zufällig und lassen sich doch – bis auf den Homo sapiens neanderthalensis – in einen Zusammenhang bringen. Mozart und Heine haben im Alten Reich gelebt. Als es unterging, erlosch auch die Geltung der Goldenen Bulle. Über diese wiederum spottete Heine in unnachahmlicher Manier in seinem Gedicht „Kobes I.“:
„Im Jahre achtundvierzig hielt, / Zur Zeit der großen Erhitzung, / Das Parlament des deutschen Volks / Zu Frankfurt seine Sitzung. / Damals ließ auch auf dem Römer dort / Sich sehen die weiße Dame, / Das unheilkündende Gespenst; / Die Schaffnerin ist sein Name. / … Dort sah ich sie selbst um jene Zeit / Durchwandeln die nächtliche Stille / Der öden Gemächer, wo aufgehäuft / Des Mittelalters Gerülle. / … Da liegen die Kaiser-Insignia, / Da liegt die goldne Bulle, / Der Szepter, die Krone, der Apfel des Reichs / Und manche ähnliche Schrulle.“
Heute schätzen wir die Goldene Bulle wieder mehr; so sehr, daß die Bundesrepublik Deutschland Sorge dafür trägt, daß sie für die nächsten 1500 Jahre sicher aufbewahrt wird: als Mikrofilm in einem Bunker des Bundesamtes für Zivilschutz im Barbarastollen bei Oberried im Dreisamtal unter dem Schutz der Haager Konvention. Die Deutsche Post gab in diesem Jahr anläßlich des Jubiläums der Goldenen Bulle eine Briefmarke heraus. Ausstellungen und wissenschaftliche Tagungen beschäftigen sich mit ihr. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“, rätselte Heine bei anderer Gelegenheit. In bezug auf die Goldene Bulle kann dem Dichter geholfen werden.
Der Gesetzestext, der unter dem Kurztitel „Goldene Bulle“ bekannt ist, wurde 1356 in zwei Etappen veröffentlicht. 23 Kapitel wurden am 10. Januar in Nürnberg bekanntgemacht, um acht weitere Kapitel wurde das Gesetzeswerk bei einem Hoftag in Metz am 25. Dezember erweitert. Zustande gekommen war der umfangreiche Text bei mehreren Beratungen Kaiser Karls IV. mit Fürsten, Herren und Abgesandten der Städte. Den Abschluß des legislativen Werks gab der Kaiser am 6. Januar 1357 bekannt: „Und endlich am unlängst vergangenen Tag der Geburt des Herrn hielten wir mit den vollzählig versammelten Kurfürsten und anderen Fürsten und Großen sowie einer zahlreichen Menge Volkes unseren feierlichen Hoftag ab … Dort haben wir mehrere Gesetzeserlasse öffentlich bekannt gemacht …; und nachdem erledigt worden war, was die drängenden Umstände der Zeit erforderten, kehrten die Kurfürsten mit unserer Erlaubnis in ihre Heimat zurück.“




