Die römische Krönung von 962 erhöhte nicht nur Otto den Großen zum Kaiser, sondern wirkte auch auf die Königreiche der lateinischen Christenheit. Das war bei der Wiederbegründung des Kaisertums durch Karl den Großen im Jahr 800 noch anders gewesen. Denn Karls Kaisertum entstand zwar in der Spannung zum oströmischen Kaiserreich, besaß aber im Westen fast keine Konkurrenz. In der lateinischen Christenheit existierten neben dem Frankenkönig nur die autonomen angelsächsischen Königreiche. Doch sie ließen sich vom Geltungsanspruch des Karolingers offenbar nicht oder nur wenig berühren. Das Miteinander von Kaiser und Königen wurde im 9. Jahrhundert erprobt, als die Nachfahren des großen Karl das Frankenreich wiederholt aufteilten. Im Gegensatz zum Reich war aber das auf Rom bezogene Kaisertum nicht aufteilbar. Ihm fiel ein bloßer Ehrenvorrang zu, während sich die fränkischen Nachfolgereiche autonom entfalteten.
888 zerbrach das fränkische Großreich endgültig in mehrere Königreiche. Nach und nach endete die Herrschaft der Karolinger: in Burgund und Italien 888, in Ostfranken 911, in Westfranken 987. Um 900 gelangte das Kaisertum an die Könige in Italien, weil ihnen der Zugang zur Kaiserkrönung durch den Papst in Rom offenstand. Ihre Namen wie Wido, Lambert oder Berengar sind heute nur noch wenigen Spezialisten bekannt. Mit der Machtfülle antiker Imperatoren hatte dieses Kaisertum nichts mehr gemein. Sein Ende im Jahr 924 blieb eine Randerscheinung in der Geschichte des zerfallenden fränkischen Großreichs.
Trotzdem erhielt sich mit der Erinnerung an große Imperatoren wie Augustus, Konstantin den Großen oder Karl den Großen die Idee des römischen Kaisertums. Es wurde als Einheit gedacht und stand im Rang über den Königen der Völker. Ein frühmittelalterlicher Lehrtext brachte den Unterschied auf den Punkt: „König ist, wer über ein Volk oder mehrere regiert; Kaiser ist, wer über die ganze Welt herrscht oder in ihr den Vorrang einnimmt.“…
Prof. Dr. Bernd Schneidmüller




