Es soll um den unvollendeten Roman „Das Schloss“ gehen, der in den frühen 1920er-Jahren von Kafka begonnen wurde und 1926 aus seinem Nachlass veröffentlicht worden ist: Ein Mann, der stets K. genannt wird, trifft in einem Dorf ein, über dem ein Schloss thront, wobei K. behauptet, er sei von diesem Schloss als Landvermesser bestellt. Doch seine Versuche, dort empfangen zu werden, scheitern. Es bleibt bei Annäherungen, was unmittelbar vergleichbar ist mit der Situation eines Kafka-Lesers, der „Das Schloss“ ebenso wenig ausloten oder gar betreten kann und sich bei seinem Verständnisbemühungen stets im Irrtum zu befinden scheint oder abgewiesen fühlt.
Als K. im Dorf erscheint, hat er große Pläne, doch je mehr er über das Schloss in Erfahrung bringen will, desto deutlicher wird ihm seine Ahnungslosigkeit vorgeführt. Je mehr K. von dem Schloss verstehen will, desto ferner rückt sein Ziel, und zwar während er sich ihm zu nähern versucht. Wenn man Kafkas Roman als Beschreibung einer menschlichen Anstrengung liest, der es darum geht, Wissen zu erwerben, dann erzählt „Das Schloss“ davon, dass dieser Wunsch unerfüllbar und die ersehnte Kenntnis unerreichbar bleiben kann.
An dieser Stelle lohnt es sich, an die Entstehungszeit von Kafkas Roman und daran zu erinnern, dass die Physiker in den Jahren zwischen 1922 und 1926 so im Innersten der Welt angekommen sind wie der Landvermesser in dem Dorf. Dabei mussten sie lernen, dass ihnen nicht die Dinge selbst, sondern nur Wissen über sie zugänglich wurde. Das Schloss, auf das die Forscher dabei trafen, nannten sie das Atom, und was sie bei seiner Erfassung – mit den Instrumenten nicht der Land-, sondern der Lichtvermessung – verstehen konnten, führte sie zu der selbst heute noch erstaunlichen Einsicht, dass die Wissenschaft das Geheimnis der Atome – ihre Stabilität und ihre Energie – nicht offenbaren, sondern im Gegenteil nur vertiefen konnte.
Je näher man dem Innersten der Welt kommt, desto mehr kann man über das staunen, was man dort findet – wobei man zuletzt auf sich selbst trifft. Die Physik erzählt, wie der Mensch im Atom zu sich kommt, weshalb ihr Roman unvollendet bleiben muss. Als Kafka an seinem unvollendeten arbeitete, hatte Albert Einstein das Licht als etwas Komplementäres beschrieben, das sowohl Welle als auch Teilchen sein konnte. Der Literaturkritiker Walter Benjamin hat damals dasselbe Wort benutzt und geschrieben „Kafka lebt in einer komplementären Welt“, nämlich vereinzelt in seiner Familie – wie ein Lichtteilchen im Strahl –, und im Medium der mystischen Tradition des Judentums. Von da aus ging Benjamin noch weiter und entdeckte in Kafkas Texten ohne vordergründige viel hintergründige Physik, und er meinte, dass der Dichter mit seinen Texten hilft, ein poetisches Verständnis für das neue Weltbild der Wissenschaft zu entfalten. Mit Kafka gelingt es vielleicht, sich der Welt der Atome anders zu nähern.





