Wie ist es wohl gewesen, als Franz Kafka in Prag, in diesem Brennpunkt nationaler und religiöser Spannungen, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu leben? Diese Frage hat sich Reiner Stach im dritten Band seiner meisterhaften, glänzend geschriebenen Kafka-Biographie gestellt. Der Band bezieht sich wegen des erst spät verfügbaren Nachlasses des Kafka-Freundes Max Brod nun auf die frühen Jahre von 1883 bis 1911. Aus Kafkas eigenen Schriften ist die Frage nur schwer zu beantworten. Dass wir Leser dennoch tief eintauchen können in den persönlichen und sozialen Kosmos Franz Kafkas, ist der sorgfältigen, einfühlsamen, aber niemals zu spekulativen Schilderung Stachs zu verdanken, die Kafkas Lebensstationen vom Elternhaus bis zum Berufseintritt nachgeht. Stach gelingt es auf eindrucksvolle Weise, die psychischen Irritationen des jungen Kafka mit der kulturell anregenden, aber auch politisch und religiös höchst spannungsreichen Umwelt Prags, einer Stadt im Umbruch, zu verknüpfen. Plausibel wird, wie für den promovierten Juristen die Literatur, das eigene Schreiben, immer stärker zu einer Lebensressource wurde.
Rezension: Dr. Heike Talkenberger




