Senckenberg hatte an der preußischen Reformuniversität Halle Medizin studiert, Kontakte zu Pietisten geknüpft und die Franckeschen Stiftungen mit ihren Schulen, dem Waisenhaus und der vorbildlichen medizinischen Versorgung kennengelernt. Er verließ Halle jedoch ohne Studienab‧schluss, nachdem er in religiöse Auseinandersetzungen um den „wahren Pietismus“ verwickelt worden war.
Die Erfahrungen in Halle blieben prägend für Senckenberg: Nach dem Vorbild Franckes richtete er seine „Senckenbergische Stiftung“ ein, legte dabei als Mediziner besonderen Wert auf Hospitäler, Armenversorgung und Ärzteausbildung. Seit 1744 als Stadtarzt für die Reichsstadt tätig, hatte er sich für Reformen engagiert, die sich jedoch oft nicht umsetzen ließen.
Durch den tragischen Tod des Stifters nach einem Sturz blieb das Werk unvollendet: Senckenbergs Stiftungsdirektorium richtete das geplante Findel-, Gebär- und Badehaus, die Apotheke sowie das ins Auge gefasste Gotteshaus und den Friedhof nicht mehr ein, so dass die Analogie zwischen der Franckeschen und der Senckenbergischen Stiftung den Nachgeborenen lange verborgen blieb.
Die schön bebilderte Biographie von Thomas Bauer bringt dem Leser Wesen und Werk Senckenbergs sowie das reichsstädtische Leben in Frankfurt im 18. Jahrhundert nahe. Der Autor schildert neben dem Einzelschicksal des frommen Arztes auch die Probleme von Hebammenausbildung, Kindersterblichkeit und ärztlicher Versorgung, außerdem die Streitigkeiten des Stifters mit dem schwerfälligen städtischen Rat. Leider beschäftigt sich Bauer nicht mit Senckenbergs Tagebüchern, die ein vielschichtiges Selbstzeugnis sind. In ihnen schreibt Senckenberg offen und minutiös über sein Leben und Denken, etwa über seine Selbstmordgedanken und Krankheiten.
Rezension: Knackmuß, Susanne




