Schöllgen überrascht den Leser mit ungewöhnlichen Zäsuren. So wird die Zeit der NS-Diktatur durch drei Zeitabschnitte (1919–1935, 1935–1941, 1941–1952) unterteilt bzw. eingerahmt und damit bewußt in eine längere Konti?nuität gestellt. Grundsätzlich betrachtet Schöllgen die zeitliche Verspätung als ein Charakteristikum der deutschen Nationalgeschichte. So habe Deutschland die Schritte hin zum Nationalstaat, zur Kolo-nial- und Weltmacht, aber auch zur Republik und zu einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie erst getan, als andere vergleichbare Nationen diese bereits hinter sich hatten.
Er beschreibt die Geschichte des deutschen Nationalstaats dabei nicht als Einbahnstraße in die Katastrophe, sondern verweist immer auch auf die Handlungsspielräume der Akteure. Große Bedeutung mißt Schöllgen insbesondere Bismarcks Kolonialpolitik und dem späten imperialistischen Anspruch auf einen „Platz an der Sonne“ zu. Erst die verfehlte Weltpolitik im Kaiserreich und der Erste Weltkrieg hätten die Weichen gestellt, die den Aufstieg Hitlers überhaupt ermöglichten.
Die Entwicklung nach 1945 dagegen sei die Geschichte eines anderen Wegs. Schöllgen plädiert schließlich für eine Historisierung des Dritten Reiches, dafür, die NS-Herrschaft als eine „Epoche der neueren Geschichte“ zu betrachten. 1991 hätten auch die vormaligen Sieger über Deutschland gewußt, „daß der neue deutsche Nationalstaat, den sie damit aus der Taufe hoben, nichts oder doch nur wenig mit dem gemeinsam haben würde, den sie beinahe ein halbes Jahrhundert zuvor zerschlagen hatten“.
Auch wenn man mit Schöllgens Ansichten nicht übereingehen muß – sein Buch „Jenseits von Hitler“ regt zum Nachdenken an und ist nicht nur eine brillante historische Analyse, sondern auch eine originelle Auseinandersetzung mit den Grenzen und Möglichkeiten der heutigen deutschen Außenpolitik.
Rezension: Gerbert, Beat




