Der Klimawandel treibt die weltweiten Meeresspiegel immer schneller in die Höhe. Allein im 20. Jahrhundert sind die mittleren Pegel um rund 15 Zentimeter angestiegen und jedes Jahr kommen fast vier Millimeter dazu. Als Folge steigen auch die Hochwasserpegel und Sturmfluten laufen höher auf. Schon jetzt erleben flache Küstengebiete immer häufiger Überflutungen, viele Südsee-Inseln könnten schon bald unbewohnbar sein. Prognosen zufolge könnten bis 2100 mehr als 360 Millionen Menschen akut durch Landverlust und immer häufigere Überschwemmungen gefährdet sein.
„Aber eine grundlegende Frage blieb bislang unbeantwortet: Wie stark hat der menschengemachte Klimawandel schon jetzt die Häufigkeit von Extremwasserständen erhöht?“, erklären Sönke Dangendorf von der Tulane University in New Orleans und seine Kollegen. Um dies zu klären, haben sie die Pegeldaten von gut 130 weltweit verteilten Messstationen seit 1900 ausgewertet und mit Klimasimulationen verknüpft. Dadurch konnten sie ermitteln, wie häufig Extremereignisse wie Jahrhundertfluten heute im Vergleich zu früher auftreten und welche Ursachen dies hat.
Zwölfmal mehr Extrem-Sturmfluten als früher
Die Analysen ergaben: „Die mittlere Häufigkeit für eine Jahrhundertflut hat sich seit 1900 um das Zwölffache erhöht“, berichten Dangendorf und sein Team. Wasserstände, die bei Sturmfluten früher nur einmal pro Jahrhundert auftraten, kommen demnach heute im globalen Durchschnitt alle acht Jahre vor. „Solche extremen Wasserstände treten dann auf, wenn Springfluten, Stürme und der steigende Meeresspiegel zusammentreffen“, so Dangendorf. „Durch den Pegelanstieg können schon schwächere Stürme schwere Sturmfluten verursachen.“
Seit 1900 ist der Meeresspiegel im globalen Mittel um rund 20 Zentimeter gestiegen, damit starten Sturmfluten heute von diesem höheren Ausgangsniveau. „Viele Menschen unterschätzen, was 20 Zentimeter Meeresspiegelanstieg bedeuten: Bei einer Sturmflut kommen diese 20 Zentimeter nicht nur einfach obendrauf – sie verschieben die gesamte Ausgangslage“, erklärt Co-Autor Ben Marzeion vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen.
Die enorme Zunahme der Jahrhundertfluten um den Faktor zwölf sei jedoch beunruhigend, so Marzeion. „Dies zeigt, wie stark schon ein moderater Meeresspiegelanstieg die Häufigkeit von Sturmfluten und extremen Wasserständen verändern kann.“

Menschlicher Einfluss als Hauptursache
Doch was sind die Ursachen für die immer häufigeren Jahrhundertfluten? Welche Rolle dafür verschiedene Einflussfaktoren spielen, haben die Forschenden mithilfe ihrer Klimasimulationen ermittelt. In diesen überprüften sie durch verschiedene Szenarien, welchen Anteil der anthropogene Klimawandel und Meeresspiegelanstieg, die Landabsenkung und natürliche Klima- und Meeresspiegelschwankungen an den Extremhochwassern haben.
Das Ergebnis: Der größte Treiber für den steigenden Meeresspiegel und die Zunahme extremer Sturmfluten ist der menschliche Einfluss. Er ist im Mittel der letzten rund 100 Jahre für einen Meeresspiegelanstieg von rund 0,77 Millimeter pro Jahr verantwortlich, wie das Team ermittelte. Natürliche Faktoren machten demgegenüber nur rund 0,48 Millimeter pro Jahr aus, die Landabsenkung rund 0,36 Millimeter pro Jahr. „Der Mensch ist ein Faktor unter vielen“, sagt Marzeion. „Aber der menschengemachte Meeresspiegelanstieg ist heute der wichtigste Grund für die Zunahme solcher Extremereignisse.“
Den Berechnungen zufolge hat allein der Einfluss anthropogener Faktoren die Häufigkeit extremer Sturmfluten seit 1900 mehr als vervierfacht. Besonders deutlich wird dies seit 1970: Seitdem hat der Einfluss anthropogener Faktoren weiter zugenommen, der Anteil natürlicher Ursachen hat sich dagegen verringert.
Konsequenzen für den Küstenschutz
„Diese Resultate liefern uns robuste, auf Beobachtungen basierende Belege dafür, dass der Klimawandel schon jetzt die Sturmflutgefahr an Küsten weltweit transformiert hat“, schreiben Dangendorf und seine Kollegen. „Dieser Wandel ist keine ferne Zukunftsprognose für 2050 oder 2100, sondern er ist bereits im Gange.“ Das unterstreiche die Notwendigkeit schneller Anpassungen, um das Risiko nicht noch weiter wachsen zu lassen. In einigen Küstenregionen könnte es sogar nötig sein, die Menschen umzusiedeln, wenn der Küstenschutz nicht mehr ausreicht.
Was bedeutet dies für die deutschen Meeresküsten? Wie das Team betont, lag der Fokus ihrer Analysen auf der globalen Situation. Dennoch ist auch Norddeutschland von diesen Entwicklungen betroffen, auch dort laufen Sturmfluten immer höher auf. „Für den Küstenschutz ist entscheidend, dass historische Erfahrungswerte nicht mehr gelten. Darauf müssen wir mit frühzeitiger Planung für die Anpassung reagieren“, sagt Marzeion.
Quelle: Sönke Dangendorf (Tulane University) et al., Nature Climate Change, 2026; doi: 10.1038/s41558-026-02659-0





