Es gibt verschiedene Wege, moderne Menschen für ferne Epochen zu interessieren: Die frappierende Andersartigkeit und Fremdartigkeit der Mentalitäten, der Bräuche und des Denkens dieser Zeiten erzeugen Neugier und Faszination; die Kunst dieser Epochen erzielt mit ihrer ungewohnten, aber ansprechenden Ästhetik die gleiche Wirkung. Im Fall des europäischen Mittelalters kann man beides verbinden, weil die mittelalterliche Frömmigkeit, die uns fremd geworden ist, zur Stiftung von sakraler Kunst geführt hat, deren Ästhetik uns in Bann schlägt.
Diesen Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und sakraler Kunst versucht eine Ausstellung in Münster zu erläutern, die das hohe Niveau der mittelalterlichen Schatzkunst Westfalens im Vergleich mit internationalen Spitzenzeugnissen dokumentiert, die sich zugleich aber dafür inter-essiert, welche Absichten und Vorstellungen hinter der Stiftung von Schreinen, Kreuzen, Kelchen und anderen liturgischen Geräten standen, die mit überaus hohem materiellem wie künstlerischem Aufwand hergestellt wurden. Sie sollten einmal gewiss der Würde des Gottesdienstes und der Verehrung Gottes und der Heiligen dienen. Sehr häufig aber erscheinen Namen oder gar Darstellungen der Stifter selbst auf den Artefakten, was wohl unzweifelhaft darauf zielt, die Person des Stifters oder der Stifterin in Erinnerung zu rufen oder zu halten. Aber mit welchem Ziel und zu welchem Zweck?
Die Erläuterung dieses Befunds hat bei der Angst um das Seelenheil einzusetzen, deren Berechtigung den Menschen des Mittelalters bei jedem Kirchgang vor Augen geführt wurde. Darstellungen des Jüngsten Gerichts in Stein, Glas oder Wandmalerei zeigten nicht nur Christus als Weltenrichter, sondern auch, dass Menschen zu ewiger Verdammnis verurteilt und in die Hölle abgeführt werden würden. Unter die Verdammten wurde gern ein König, Papst oder Bischof gemischt und damit deutlich gemacht, dass sich niemand sicher fühlen könne. Diese eindringlichen Mahnungen setzten sich im Gottesdienst und in der Seelsorge der Kleriker nachweislich fort. Aus dem Mittelalter gibt es folgerichtig unzählige Zeugnisse dafür, dass die Angst der Menschen um das Heil ihrer Seele eine existentielle war. Um sie zu verringern, unternahmen viele daher größte Anstrengungen.
Die Priester wussten nämlich auch, wie man das Schicksal ewiger Verdammnis vermeiden konnte. Man konnte den gefährdeten Seelen und ihrer Sündenlast zu Hilfe kommen: durch Messen und Gebete, auch noch nach ihrem Tod. Diese Hilfe aber gab es nicht umsonst. Zur Rettung der Seelen waren vielmehr komplexe Systeme des Gabentauschs eingerichtet, mit denen den Menschen Möglichkeiten eröffnet wurden, ihre Angst vor der Verdammnis oder auch vor dem Fegefeuer durch unterschiedliche Aktivitäten zu mindern. Man praktizierte die Gebetsverbrüderung, die dazu verpflichtete, wechselseitig füreinander zu beten. Solche Verbrüderungen schlossen Kleriker, Mönche und Nonnen untereinander ab, sowohl Einzelne als auch ganze Konvente. Aber auch Verwandte, Freunde, Bruderschaften, Gilden, Zünfte und andere Vereinigungen hatten die Verpflichtung etabliert, für die anderen Mitglieder der Gemeinschaft zu beten.




