Wie sind sie entstanden?
Doch wie diese Hyperschnellläufer auf ihr jetziges Tempo beschleunigt wurden, ist bisher ein Rätsel. Einer Theorie nach könnten die Sterne durch das supermassereiche Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße aus ihrer einstigen Position katapultiert worden sein. Das allerdings könnte nur die Entstehung einiger Rasersterne erklären, denn andere sind zuvor nie auch nur in die Nähe des zentralen Schwarzen Lochs gekommen. Stattdessen stammen sie aus den äußeren Regionen der galaktischen Scheibe, wie die Rekonstruktion der Flugbahn dieser Hyperschnellläufer ergab. Eine andere von Astronomen diskutierte Möglichkeit der Beschleunigung wäre eine Supernova in einem Doppelsternsystem. Wenn sich beide Partner vor dieser Sternexplosion eng umkreisen, könnte die freigesetzten Energie ausreichen, um den nichtexplodierten Partner wegzuschleudern und stark zu beschleunigen. Das Problem in diesem Fall: Die meisten Hyperschnellläufer sind blaue Riesen – und damit Sterne, die in einem Doppelsystem ihren Partner nicht eng genug umkreisen könnten, ohne mit ihm zu verschmelzen. Ist ihr Orbit jedoch weiter, bekommen sie selbst bei einer Supernova ihres stellaren Partners nicht genügend Tempo, um ein Hyperschnellläufer zu werden.
“Die früheren Erklärungen für den Ursprung von Hyperschnellläufern haben mich nicht zufriedengestellt”, sagt Erstautor Douglas Boubert von der University of Cambridge. Denn sie können beispielsweise nicht erklären, warum diese Sterne nicht gleichmäßig über die Milchstraße verteilt sind, sondern sich stattdessen in einem Gebiet um die Konstellationen Löwe und Sextant häufen. Ihr Verdacht: Möglicherweise stammen diese Sterne ursprünglich gar nicht aus der Milchstraße, sondern sind Ausreißer einer benachbarten Zwerggalaxie, der Großen Magellanschen Wolke. Dass es einen solchen Austausch von Sternen zwischen Nachbargalaxien gibt, haben erst kürzlich Bewegungsanalysen von Sterne im Außenbereich der Milchstraße bestätigt. Boubert und seine Kollegen vermuteten daher in den Hyperschnellläufern eine extreme Variante solcher galaktischen Überläufer. Ob und wie diese Sterne dabei genügend Tempo bekommen, um zu Hyperschnellläufern zu werden, haben sie durch die Analyse der Daten zu den bekannten Exemplaren und durch Computersimulationen untersucht.
“Vom Expresszug abgesprungen”
Das Ergebnis: Den Berechnungen nach könnten die Hyperschnellläufer der Milchstraße tatsächlich Ausreißer aus der Großen Magellanschen Wolke sein – und es könnte erklären, warum sie so viel schneller sind als die meisten anderen aus Doppelsternsystemen herauskatapultierten Sterne. “Diese Sterne sind sozusagen gerade von einem Expresszug abgesprungen – kein Wunder, dass sie so schnell sind”, erklärt Koautor Rob Izzard von der University of Cambridge. Denn die Große Magellansche Wolke kreist mit rund 400 Kilometern pro Sekunde um die Milchstraße herum. Ein Stern, der beispielsweise durch eine Supernova in Flugrichtung aus ihr herauskatapultiert wird, profitiert daher von der Eigengeschwindigkeit der Zwerggalaxie: Sie verleiht ihm genau den zusätzlichen Schub, den er braucht, um zum Hyperschnellläufer zu werden, wie die Forscher anhand ihrer Simulationen herausfanden. “Dieses Szenario könnte auch ihre Position am Himmel erklären”, sagt Izzard. “Denn die schnellsten Ausreißer werden entlang des Orbits der Großen Magellanschen Wolke weggeschleudert und damit genau in Richtung der Konstellationen Löwe und Sextant.”





