Ob Alpen, Anden oder der Himalaya: In den Gebirgen weltweit tauen die Gletscher, die durch den Klimawandel steigenden Temperaturen lassen die Eisströme immer stärker schrumpfen. In den deutschen Alpen hat der Südliche Schneeferner bereits 2022 seinen Gletscherstatus verloren, viele andere Berggletscher weltweit sind bereits verschwunden.
Karte zeigt künftige Entwicklung von 215.543 Gletschern weltweit
Doch wann droht dieses Schicksal den noch verbliebenen Berggletschern? Das zeigt nun eine interaktive Karte im Internet für mehr als 200.000 Gletscher weltweit. „Globale Zahlen, etwa zum Verlust an Gletschermasse oder -fläche, können sehr abstrakt wirken. Mit dieser Website können Menschen in ihr eigenes Tal oder ihre Bergregion hineinzoomen und sehen, wie sich die Erwärmung auf die ihnen vertrauten Gletscher auswirkt“, erklärt Lander Van Tricht von der ETH Zürich und der Frien Universität Brüssel.
Für ihre interaktive Kartierung nutzten die Forschenden ein bereits im Dezember 2025 vorgestelltes Gletschermodell, das den individuellen Zustand und die künftige Entwicklung von 215.543 Gletschern weltweit anzeigt. Mit ihm wird erkennbar, ob und wann welcher Gletscher verschwindet, wenn die Temperaturen steigen – auf Werte zwischen 1,5 und vier Grad Erwärmung gegenüber präindustriellen Bedingungen. Als verschwunden gilt ein Gletscher, wenn seine Fläche unter 0,01 Quadratkilometer oder weniger als ein Prozent seines ursprünglichen Eisvolumens sinkt.
Bereits Ende 2025 hatte das Team ermittelt, dass die Alpen schon bei 1,5 Grad Erwärmung die Hälfte ihrer Berggletscher bis 2100 verlieren könnten. Bei einer Erwärmung um 2l,7 Grad würden nur 20 Prozent der Alpengletscher übrigbleiben.

Dieser Ausschnitt aus der interaktiven Gletscherkarte zeigt , ob und wann verschiedenen Teile des Vernagtferners in den Tiroler Alpen bei 2,7 Grad Erwärmung verschwinden werden. — © Van Tricht et al./ Glacierextinction.com
Hitzesommer 2026 kostete die Alpen zwei Gletscher…
„Das Verschwinden eines Gletschers ist nicht die Folge nur eines warmen Sommers, sondern das Resultat von Jahrzehnten des kumulativen Massenverlusts“, erklärt Co-Autor Harry Zekollari von der Freien Universität Brüssel. „Jahr für Jahr lassen ungenügender Schneefall und starke Sommerschmelzen den Gletscher schrumpfen, bis er sich schließlich nicht mehr selbst erhalten kann.“ Extreme Hitzesommer wie 2022 oder 2026 beschleunigen diesen finalen Verlust jedoch zusätzlich.
Diese zerstörerische Wirkung zeigt sich aktuell in den Alpen: Schon jetzt legen vorläufige Messungen nahe, dass die Hitzeperioden dieses Jahres ihren Tribut gefordert haben. 2026 könnte demnach das Jahr mit dem stärksten Gletscherschwund in den Alpen seit Beginn der Messungen werden, wie Van Tricht und seine Kollegen berichten. Dadurch sind der Bella-Tola-Gletscher und der Uri-Rotstock-Gletscher in den Schweizer Alpen so stark geschrumpft, dass sie im August 2026 offiziell als verschwunden deklariert wurden.
„Dies zeigt, dass das Aussterben von Gletschern kein fernes Problem ist, das erst am Ende des Jahrhunderts auftritt. Es geschieht jetzt“, betont Van Tricht.
…weitere Alpengletscher werden folgen
Doch diese beiden Alpengletscher werden nicht die einzigen bleiben, wie die Forschenden erklären: Schon eine einzige weitere Schmelzsaison wie die aktuelle könnte ausreichen, um eine ganze Reihe weiterer kleinerer Gletscher der Alpen über die Schwelle des Verschwindens zu treiben. „Unsere Prognosen zeigen, dass sich viele kleine Alpengletscher dem Ende ihrer Existenz nähern“, sagt Van Tricht. „Wir können diesen Prozess in Echtzeit mitverfolgen. Das macht den Gletscherverlust ganz konkret.“
Wie die Forschenden betonen, sind Gletscher mehr als nur große Eismassen: Sie prägen Landschaften und Ökosysteme, leisten einen Beitrag zur Wasserversorgung sowie zum Tourismus und sind für die lokale Bevölkerung oft von großer kultureller und emotionaler Bedeutung. „Hinter jedem Gletscher, der verschwindet, stehen ein Ort, eine Geschichte und oft auch eine Gemeinschaft, die sein Fehlen erleben wird“, sagt Van Tricht. Umso wichtiger sei es, die Eisströme zu erhalten.
Quelle: Vrije Universiteit Brussel; Glacier Extinction Map





