Gunther von Hagens hat sein Ziel erreicht: die „Demokratisierung der Anatomie”. Die Wirkung seiner Ausstellung erklärte er in einem Londoner Interview: “Es ist eine Art event-Anatomie, es ist entertainment”. Die Empörung über die “Körperwelten” ist jedoch so groß wie der Andrang. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die theatralische Inszenierung, mit der von Hagens seine Präparate präsentiert. Neu ist seine Darstellungsart allerdings nicht. Schon mit Beginn der naturgetreuen Anatomie-Darstellung im 16. Jahrhundert wurden sezierte Leichen in Bewegung gezeigt. Der Gehäutete, der seine eigene Haut zur Schau trägt, war ein beliebtes Motiv, das von Hagens in seiner Leichenschau jetzt wieder aufgreift. Nicht umsonst leuchtet in von Hagens’ “Werbekampagne” neben Kunst und Wissenschaft vor allem das Schlagwort “Tradition” auf. Ein Blick auf die Geschichte der Anatomie läßt diese “Tradition” allerdings in einem anderen Licht erscheinen.
Von der Antike bis ins Hochmittelalter war die Leichensektion tabu. Leichen galten in der Antike als schmutzig, und man versuchte sich von ihnen fern zu halten. Kult-Gesetze aus der griechischen Antike schrieben eine ganze Reihe von Vorsichtsmaßnahmen vor: So mußte das Haus, in dem jemand verstorben war, gekennzeichnet werden, um Nachbarn davor zu schützen, ungewollt mit dem Toten in Berührung zu kommen. Am dritten Tag wurde der Leichnam noch vor Sonnenaufgang außerhalb der Stadtgrenzen beerdigt – ohne Priester. Anschließend mußten sich nicht nur die Angehörigen reinigen, sondern das ganze Haus wurde mit frischem Meerwasser gesprenkelt. Selbst das Feuer entfachte man wieder neu.
Doch gab es eine Ausnahme: Im Alexandria des dritten Jahrhunderts v.Chr. sezierten zwei Ärzte, Herophilos und Erasistratos, systematisch Leichen und nahmen sogar Versuche an lebenden Verbrechern vor. Wie kam es dazu? Möglicherweise lieferte die ägyptische Tradition der Mumifizierung den griechischen Eroberern einen Vorwand, die kultische Leichenöffnung zu profanisieren und wissenschaftlich zu nutzen. König Ptolemaios kontrollierte das politische wie das religiöse Leben, und in den Wissenschaften war er besonders ehrgeizig. Er stellte Herophilos und Erasistratos für ihre Forschung das geeignete “Menschen-Material” zur Verfügung.
Die beiden Wissenschaftler, die vom Engagement des Ptolemaios nach Alexandria gelockt wurden, brachten die neuen philosophischen Thesen des Aristoteles mit, der die Entmystifizierung des Todes eingeleitet hatte: “Wenn eine tote Person auch die selbe äußere Form hat, ist sie dennoch kein Mensch”, schreibt Aristoteles in seinem Anatomie-Traktat “Über die Teile der Lebewesen”. Das Tabu, menschliche Leichen zu sezieren, tastete er zwar nicht an, aber er hat mit der systematischen Erforschung von Tieren begonnen und schreckte auch vor Vivisektionen nicht zurück.





