Der Fuchs geht um. Das Rehkitz, das vor wenigen Wochen das Licht der Welt erblickt hat, kauert bewegungslos wenige Meter entfernt im hohen Gras. Der Fuchs sieht es nicht. Und weil das Kitz von seiner Mutter sorgsam abgeleckt wurde, verrät es sich auch nicht durch Geruch.
Das instinktive Verhalten des Kitzes, das ihm den effektivsten Schutz vor seinem natürlichen Feind bietet, wird ihm im Technik-Zeitalter zum Verhängnis: Es flüchtet nicht, wenn die Mähmaschinen mit ihren rotierenden Messern im Frühjahr anrollen, um Heu zu machen.
Jetzt soll neueste Technik das Jungwild vor Schmerzen, Verstümmelung und Tod bewahren. Ein Gerät des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) entdeckt im Gras liegende Tiere und weckt durch ein Warnsignal die Aufmerksamkeit des Bauern, der die Mähmaschine steuert. Die Infrarot-Sensoren des Gerätes registrieren den Unterschied zwischen der Körperwärme des Tieres und der Umgebungstemperatur. Die Sensoren befinden sich an einer Stange, die waagerecht an die Mähmaschine montiert wird, so daß sie jeweils die nächste Mähbahn im Visier haben.
Ähnliche Infrarotsensoren werden in der Raumfahrt eingesetzt, um Wärmebilder der Erde zu erstellen und Umweltschäden aus der Luft zu dokumentieren. Für die Infrarot-Experten des DLR war es nicht schwierig, die Idee des “Wildretters” zu verwirklichen: “Wir haben ihn in unseren Kaffeepausen entwickelt”, sagt Dr. Volker Tank, Ingenieur am DLR-Institut für Optoelektronik in Oberpfaffenhofen.
Rehkitze flüchten nicht, wenn sich Mähmaschinen nähern – das ist oft ihr Tod. Jetzt kann an die Mähmaschine ein Gerät montiert werden (unten), das durch Infrarot-Sensoren die Kitze rechtzeitig aufspürt.
Nachdem sich bei Feldtests in Nordrhein-Westfalen, Bayern, und Oberösterreich mehrere Geräte bewährt haben, soll der Prototyp in Kooperation mit einem klein- oder mittelständischen Unternehmen möglichst bald serientauglich werden. Weil es Standardbauteile gibt, wird der Wildretter am Ende 800 bis 1200 Mark kosten, schätzen die DLR-Wissenschaftler.
Diese Kosten entscheiden wesentlich darüber, wie viele Bauern das Gerät verwenden werden. Für den Landwirt bedeutet der Einsatz des Gerätes Zeitaufwand – nach dem Warnsignal muß er die Arbeit unterbrechen und das Tier aus der Gefahrenzone bringen.
Doch für die Bauern gibt es neben tierschützerischen auch wirtschaftliche Gründe, sich das Gerät anzuschaffen: Geraten Teile der getöteten Tiere unbemerkt in das geerntete Gras oder Heu, verdirbt das Futter – Milchkühe und Mastrinder, die es fressen, können schwer erkranken.
Interesse am Wildretter haben auch Jäger, die fürchten, in ihrem Revier nicht genug Rehe schießen zu können. Peter Friedrich Sieben, Sprecher des Landesjagdverbandes Bayern: “Wenn viele Rehkitze durch Mähmaschinen getötet werden, kann es für den Jäger schwierig sein, seinen Abschußplan zu erfüllen.” Der Verband hat die Entwicklung des Infrarot-Wildretters finanziell unterstützt.
Frank Frick





