Die Arbeiter von Krupp gossen den Stahl und stellten daraus Präzisionswalzen her, eine Vielzahl von Produkten für die Eisenbahn, für den Schiffsbau und natürlich die berühmten Kanonen. Mit diesen Kanonen hatte Alfred Krupp teilgehabt an den militärischen Erfolgen Preußens, 1866 in Königgrätz und dann vor allem 1870 im deutsch-französischen Krieg. Sein Name war verbunden mit dem politischen Aufstieg Deutschlands, und mancher sah in ihm neben Bismarck und Moltke den dritten Reichsgründer. Diese Einschätzung verrät mehr als die militärische Bedeutung der Kruppschen Gußstahlkanone, sie deutet auf die Bedeutung, die – neben Militär und Politik – einer dritte Einflußgröße allmählich zuwuchs: der Industrie. Das war neu, denn Gewerbe und Industrie hatten stets als “privat” gegolten. Allgemein trennte man zwischen der “öffentlichen”, den Staat und die Allgemeinheit betreffenden Sphäre und der “privaten”. Auch Alfred Krupp hatte dies stets getan. Er verstand den Betrieb als sein Eigentum, als seine Privatangelegenheit, in die er sich jede Einmischung verbat. Was bei einem kleinen Hand-werksbetrieb plausibel war und bei einem mittleren Gewerbebetrieb noch angehen mochte, wurde mit der förmlichen Explosion der Essener Gußstahlfabrik seit der Jahrhundertmitte allmählich unmöglich. 20000 Beschäftigte, das war bereits die Größe einer Stadt, und hinzuzählen muß man ja auch noch Frauen und Kinder. Dabei war diese Zahl kein Gipfelpunkt. In den folgenden 15 Jahren, in denen Friedrich Alfred Krupp an der Spitze des Unternehmens stand, erfolgte vielmehr ein weiterer Wachstumssprung: Die Belegschaft verdoppelte sich auf knapp 44000, der Umsatz stieg sogar auf mehr als das Doppelte, nämlich von 42,2 Millionen Mark auf 101,4 Millionen. Der Aufstieg von Krupp verlief parallel zur Ent-wicklung Deutschlands insgesamt auf militäri-schem, politischem und natürlich auf wirtschaftlichem Gebiet. Mehr noch, Krupps Erfolg galt als ein Erfolg Deutschlands. Das hatte auf der ersten Londoner Weltausstellung 1850 begonnen, als der Essener Stahlfabrikant aus dem bis dahin industriell eher unbedeutenden Preußen den größten Stahlblock präsentieren konnte und damit die englischen Altmeister der Stahlherstellung, die Pioniere der Industrialisierung, übertrumpfte, noch dazu in ihrem Heimatland. Die deutschen Zeitungen feierten ihn dafür wie einen Champion, und noch Jahrzehnte später wußte Krupp, daß “hiermit der Ruf der Firma für immer gegründet” war. Dennoch hatten die Zeitgenossen erst eine undeutliche Vorstellung davon, welche Rolle der Industrie und ihren Repräsentanten in der Gesellschaft und im Staat zukommen sollte. Waren sie aufgrund ihrer Wirtschaftskraft und ihrer Bedeutung als Arbeitgeber von Zehntausenden zu einem – auch politischen – Machtfaktor geworden, stellten sie eine neue Elite dar, oder waren sie Vertreter von Einzelinteressen, nur bestrebt, ihren Profit zu vermehren und deshalb prinzipiell als Gegenspieler der allgemeinen Belange, des Gemeinwohls und also des Staates anzusehen? In den 1890er Jahren, als der neuerliche Wirtschaftsaufschwung den Unternehmen einen rasanten Wachstumsschub und riesige Profite brachte, wird eine Unsicherheit über diese Frage greifbar, die aber natürlich nicht über Nacht entstanden war, sondern sich allmählich mit dem Wachsen der Industriebetriebe herausgebildet hatte. Am Beispiel Krupp läßt sich diese prinzipielle Unsicherheit exemplarisch verfolgen, die in der deutschen Öffentlichkeit aber zugleich auch auf Seiten der Industrie herrschte…




