Von Rolf Heßbrügge
Während das Leben der Eintagsfliege bereits wenige Tage nach ihrem Schlüpfen wieder endet, werden Grönlandhaie in den Tiefen des nördlichen Polarmeers um die 400 Jahre alt. Ist das gerecht?
Diese Frage stellt sich hier nicht, findet die Biologin Claudia Bieber vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien: „Aus evolutionsbiologischer Sicht zählt nicht die Lebenserwartung des Individuums, sondern wie viele Nachkommen es in seinem Leben bekommt.“ Diese Währung der Evolution sichert nicht nur die Weitergabe der eigenen Gene, sondern auch den Fortbestand der Art.
Tendenziell gilt: Je größer eine Spezies, desto seltener pflanzt sie sich fort und desto länger hat sie zu leben. „Das liegt schon daran, dass größere Organismen viel Zeit zum Wachstum brauchen und später Junge bekommen“, erklärt Claudia Bieber. Die längere Lebenserwartung resultiere aber auch daher, dass große Tiere weniger Fressfeinde hätten – und ein geringeres körperliches Betriebstempo, verbunden mit weniger Verschleiß: Afrikanische Elefanten etwa weisen nur rund 25 Herzschläge pro Minute auf, atmen währenddessen ganze sechsmal und können nachweislich bis zu 74 Jahre alt werden. Hausmäuse haben im Vergleich dazu einen rasenden Puls von 600 Schlägen pro Minute, atmen entsprechend schnell und haben einen viel höheren Gesamtstoffwechsel. Hausmäuse werden nie älter als eineinhalb Jahre.
Grundsätzlich, so Claudia Bieber, müsse man trennen zwischen der maximalen Lebensspanne einer Art und der durchschnittlichen Lebenserwartung: „Die maximale Lebensspanne ist ein Wert, der eher selten erreicht wird“, betont die Expertin für Populations-Ökologie. Sie bezeichne quasi ein genetisch beeinflusstes Ablaufdatum. Läuft alles optimal, kommt es zu maximalen Werten. „Dieses theoretische Ablaufdatum erleben jedoch nur wenige statistische Ausreißer, die alltägliche Risiken wie Prädation, fatale Krankheit, Unfall oder Hungertod umgehen können“, ergänzt Bieber. So gibt es immer wieder mal Menschen, die um die 120 Jahre alt werden. Doch es bleibt selten, und trotz allen medizinischen Fortschritts hat sich dieses Maximum kaum verschoben.
Es liegt in den Genen
Sind maximale Lebensspannen genetisch vorprogrammiert? Ja, sagt Benjamin Mayne. Der australische Molekularbiologe analysierte die Genome von 252 Wirbeltierarten. Insgesamt 42 Gene korrelierten stark mit der Lebensspanne. Mayne entwickelte daraus ein Messinstrument: „Unsere Lebensspannen-Uhr sagt die maximale Lebensspanne bei Wirbeltieren präzise voraus“, so der Forscher, der für den Grönlandwal einen Wert von bis zu 268 Jahren nennt – älter kann laut Mayne kein anderer Säuger werden. „Solche Arten sind natürlich von besonderem Interesse, weil sie Einblicke in die Grundlagen der Langlebigkeit bieten“, erklärt der Forscher. „Doch ihre Lebensspanne ist nicht immer leicht zu erfassen, weil diese Tiere ihre menschlichen Beobachter überleben.“





