Vor dem Bau des Schienenwegs,der 1903 Moskau mit Dalian am Gelben Meer verband, waren das Reisen und der Transport von Waren (Tee, Pelze, Seide, Zucker) von China nach Russland und umgekehrt beschwerlich. Entfernungen wurden in Wochen und Monaten berechnet. Man reiste über den Mitte des 18. Jahrhunderts fertiggestellten „Sibirischen Trakt“, jene große Poststraße, die Russland erstmals durchgehend zu Land mit China verband. Sie führte vom Ural über Tomsk zum Baikalsee, wo sie sich gabelte. Ein Strang führte nach Nordosten, der andere nach Kjachta an der Grenze zu China (heute zur Mongolei). Obwohl ungepflastert, bot der Trakt zumindest im Sommer, wenn die Hitze Schlamm in Staub verwandelte, und im Winter, wenn der Weg gefror, einen sichereren Reiseweg als vormals die sibirischen Flüsse, die scheinbar endlose Taiga und die unwegsamen Steppen.
Bis Mitte des 14. Jahrhunderts hatte die „Pax Mongolica“ für eine große Reisefreiheit in den eurasischen Weiten gesorgt. Erstmals waren europäische Missionare nach Ostasien gelangt und indirekte Kontakte zwischen Russland und China möglich geworden. Die folgenden Jahrhunderte hingegen waren stärker von Abgrenzung gekennzeichnet. Der Landweg durch Asien geriet zunehmend in Vergessenheit und wurde durch den schnelleren Seeweg abgelöst.
Erst seit dem 17. Jahrhundert kam es zu einer Renaissance der eurasischen Landverbindung. Verantwortlich war dafür die Expansion Russlands nach Osten. Seit 1582 der Ural überquert worden war, drangen Kosaken nach Sibirien vor (siehe DAMALS 11–2008). 1647 erreichte eine Gruppe Kosaken den Pazifischen Ozean. Angefeuert durch Gerüchte über große Silbervorkommen und fruchtbares Ackerland am Amur, wandten sich die Expeditionen auch nach Süden. Es war der Beginn des russischen Vordringens ins Grenzgebiet zur Mandschurei und damit der sino-russischen Beziehungen.
Der erste Versuch Russlands, am Amur Fuß zu fassen, war indes von kurzer Dauer. Als man begann, Tribut von den indigenen Völkern einzufordern, die dazu bereits dem Kaiserhof in Peking verpflichtet waren, erschienen die europäischen Barbaren Peking zunehmend als Gefahr. Tatsächlich ähnelte sich die Expansion beider Imperien in vielem. Der Kreml hatte ein Kolonialamt für seine sibirischen Erwerbungen eingerichtet; das Pendant in Peking hieß Lifanyuan: ein Amt, das die Verwaltung der „Grenzbarbaren“ regelte, der Mongolen, Turkvölker oder Tibeter, und das für die Einziehung des Tributs zuständig war. Doch Peking fürchtete nicht nur den Verlust von Tributzahlungen, schlimmer schien die Gefahr einer Allianz der Russen mit dem Mongolenstamm der Dsungaren, die lange als der wohl gefährlichste Gegenspieler der Qing in Zentralasien galten.
Der erste Versuch, die Russen zurückzudrängen, scheiterte. Damals hatten die Qing gerade erst die Ming vertrieben und waren zur neuen Dynastie Chinas aufgestiegen. Als sie ihre Stellung im Kernland südlich der Großen Mauer stabilisiert hatten, begann die Errichtung von Garnisonen und Befestigungsanlagen am Amur. Seit den 1680er Jahren wurden die Russen jedoch bis nach Transbaikalien zurückgedrängt, und Peking bereitete eine diplomatische Lösung des Territorial- und Tributkonflikts vor.




