Niemand erscheint eine Krankheit klein, wenn er sie selbst erduldet“, notierte der Abt Benedikt von Peterborough (gest. 1193) in seinem Bericht über die vermeintlichen Wunderheilungen am Grab des ermordeten Erzbischofs Thomas Becket. Kranke nahmen oft weite Wege auf sich, um den Beistand des Märtyrers oder eines anderen Heiligen zur Linderung ihrer Leiden zu erwirken. Glaube und Heilkunde waren untrennbar miteinander verbunden. Immerhin wurde der medizinische Alltag im Abendland bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts maßgeblich von Mönchsärzten bestimmt.
Notker (gest. 975), Mönch im Kloster von St. Gallen, erfreute sich eines Nachruhms wie kaum ein anderer abendländischer Arzt im 10. Jahrhundert. Staunenswerte Leistungen soll er in der Heilkunde vollbracht haben, will man den Ausführungen des Chronisten Ekkehard IV. (gest. nach 1057) glauben, der seinem Ordensbruder ein literarisches Denkmal setzte. Ekkehard zufolge besaß Notker sowohl herausragende Fähigkeiten in der Diagnose von Krankheiten als auch außergewöhnliche Kenntnisse der medizinischen Lehrsätze, der Heilmittel und Gegengifte. Um diese besondere Gabe zu unterstreichen, schildert der Chronist beispielhaft, wie Herzog Heinrich I. von Bayern (948–955) versuchte, den Arzt auf die Probe zu stellen. Anstatt seines eigenen Urins übersandte der Bayernherzog ein Glas mit den Ausscheidungen einer Kammerzofe zur Harnbeschau. Notker indes ließ sich nicht täuschen und befand, ein unerhörtes Wunder und Zeichen Gottes stehe bevor: Dem verwunderten Heinrich beschied er, dass dieser in den nächsten 30 Tagen ein Kind zur Welt bringen werde. Tatsächlich sei die Kammerzofe bald darauf niedergekommen, berichtet Ekkehard. Herzog Heinrich aber habe sich gesorgt, dass Notker ihn nun nicht mehr behandeln wolle, und mit reichen Geschenken versucht, sich auch weiterhin dessen Dienste zu versichern. …
Den vollständigen Artikel finden Sie in DAMALS 09/2013.
Kay Peter Jankrift




