Bereits in den 70er und 80er Jahren hatte sich das Bild Friedrichs des Großen deutlich zu wandeln begonnen, um im Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung moderner und offener denn je zu erscheinen. Sowohl in der historischen Forschung als auch im Bereich der populären Medien zeichnete sich eine weitgehende Differenzierung und Vermenschlichung der historischen Figur Friedrich ab. Die im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts möglichen Perspektiven auf den Preußenkönig, den preußischen Staat und das deutsche Erbe der Hohenzollern wurden ohne Zweifel durch die Wiedervereinigung und durch den veränderten inneren wie äußeren Bezugsrahmen Deutschlands mit geprägt. Sowohl das histo-risch-wissenschaftliche Interesse am Hohenzollernkönig in den Jahrzehnten vor und nach der Wiedervereinigung als auch das neugewonnene gleichsam nationale wie europäische Selbstverständnis der Deutschen hatten dazu geführt, mythische Überzeichnungen seiner Person zu korrigieren und ihn von der Funktion eines öffentlichen Sinnstifters zu entlasten.
Die Ursachen des Kults um Friedrich den Großen waren vielfältig und lagen in der Identifika‧tion mit dessen militärischen und politischen Erfolgen sowie der Faszination, die durch sein Image als aufgeklärter Monarch, Freigeist und Schriftsteller ausging. Die nach seinem Tod aufblühende Anekdotenliteratur ebnete soziale Unterschiede ein und erzeugte das Bild eines unprätentiösen, mitfühlenden und volkstümlichen Herrschers. An der Ausformung eines populären Friedrich-Bilds waren erstrangige Künstler beteiligt: Daniel Chodowiecki fertigte zahlreiche Radierungen und Kupferstiche an, Christian Daniel Rauch schuf 1851 jenes repräsentative Reiterstandbild, das „Unter den Linden“ seinen Platz fand und damit eine zentrale Sichtachse Berlins signifikant besetzte. Größte Volkstümlichkeit erlangte Friedrich schließlich durch die Graphiken und Gemälde Adolph von Menzels.
Längst war Friedrich gerade in den protestantischen Regionen der deutschen Staatenwelt auch zu einem Erinnerungsort und zur Projektionsfigur nationaler Sehnsüchte und Stimmungen geworden. Kurz vor und während der Gründung des protestantisch-preußisch geprägten Nationalstaats von 1871 waren diese Projektionen am deutlichsten ablesbar. Die Geschichte der Hohenzollern erschien vor dem Szenario der Kaiserproklamation Wilhelms I. als Vorgeschichte der Reichsgründung und Friedrich als Stifter und Ahnherr des Reichs.
Im Ersten Weltkrieg verkörperte Friedrich der Große Durchhaltewillen und vaterländischen Geist. Das Motiv des im Unglück ungebrochenen Herrschers war bereits vorher in der Friedrich-Ikonographie immer wieder aufgetaucht, auch im Sockel des Reiterstandbilds von Rauch lassen sich entsprechende Darstellungen etwa der Niederlage von Kolin (1757) erkennen. Doch nun mutierte der Hohenzollernkönig vollends zur nationalen Leitfigur – sogar Thomas Mann ließ sich hinreißen: „Und Deutschland ist heute Friedrich der Große.“ Doch mit dem Ende der Monarchie 1918 war der Mythos um Friedrich keineswegs verblasst: Befreit von dynastischer Vereinnahmung und Zensur, eignete sich die Figur des großen Königs, die durch Niederlage und Gebietsverluste geschlagenen Wunden zu lindern. In den Lichtspielhäusern wurden zahlreiche Filmproduktionen mit Friedrich in der Hauptrolle gezeigt. Den Anfang machte 1922/23 der erfolgreiche Vierteiler „Fridericus Rex“, dem eine entsprechende Postkartenserie folgte. 1927 schlossen sich „Der alte Fritz“, 1930 „Das Flötenkonzert von Sanssouci“ und 1932 „Der Choral von Leuthen“ an. Die populäre Verkörperung des Hohenzollernkönigs durch Otto Gebühr wendete die Vatergestalt zunehmend in eine charismatische Führerfigur, die konservative Kreise und Nationalsozialisten gleichermaßen ansprach.




