Jüdische „Mischlinge“ erlebten die NS-Zeit als Grenzgänger zwischen Normalität und Verfolgung. Anders als ihre jüdischen Familienangehörigen wurden sie zwar nicht deportiert und ermordet, doch unterlagen sie einem Sonderrecht, das ihnen Berufs-, Ausbildungs- und Heiratsverbote auferlegte und sie 1940 aus der „Wehrmacht“ verstieß. Seit 1943/44 mussten sie Zwangsarbeit leisten. Ihrer Ermordung entgingen die „Mischlinge“ vor allem deshalb, weil Hitler eine endgültige Entscheidung über ihr Schicksal auf die Zeit nach dem Krieg vertagte.
Der amerikanische Historiker James F. Tent widmet sich in seinem Buch zum einen dem Kollektivschicksal der „Mischlinge“, präsentiert jedoch zum anderen eine Vielzahl von Einzelbiographien, mit denen er die Auswirkungen der Verfolgung auf die Betroffenen sensibel auszuleuchten vermag. Staatliche Diskriminierungsmaßnahmen werden ebenso detailliert geschildert wie die Verhaltensstrategien und Reaktionen der „Mischlinge“. Hier liegt die besondere Stärke des Buchs, das sich mit der Vielzahl der hier ausgebreiteten Fallgeschichten vor allem an den fachlich nicht vorgebildeten Leser wendet und ihn mit eindringlichen Verfolgungsschicksalen konfrontiert. Damit ergänzt es das unübertroffene historische Standardwerk von Beate Meyer zum gleichen Thema („Jüdische Mischlinge“. Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933 –1945. Hamburg 1999) und verschafft einer Verfolgtengruppe die gebührende Aufmerksamkeit, die lange Zeit „im Schatten des Holocaust“ – so der treffende Titel des Buchs – gestanden hat.
Rezension: Bajohr, Frank




